Teil 10

„Der verdammte Wald rückt jeden Tag ein Stück näher, Lukas. Bald wird unser Häuschen ganz überwuchert sein. Ich weiß nicht, was wir dann machen.” Sie schoss ein paar blaue Blitze in den Wald, aber das Laub war zu frisch. Es zündete nicht. Lysande wandte sich ab und wollte zum Haus zurückgehen. Beim ersten Schritt verschluckte sie eine schwarze Wolke, und sie stürzte ins Bodenlose.

„Luuuukaaaas!” Ihr Schrei verhallte ungehört.

Wieder war der Schwarze Schatten da und mit ihm die Kälte. Doch diesmal wanderte er nicht zwischen den Welten, diesmal hatte er eine in Besitz genommen. Sandkörner umwehten den Schatten, Vögel kreischten, Salzgeruch lag in der Luft, und die Kälte fraß sich tiefer und tiefer in Lysandes Knochen. Unwillkürlich feuerte sie eine Salve blauer Blitze.

Ohne es zu merken, traf sie die trockene Krone der alten Kirsche auf ihrem Hof. Der Baum ächzte und stöhnte. Verkohlte Blätter rieselten zur Erde. Ein Zittern lief durch die Bäume des Waldes. Unendlich langsam wichen sie einige Zentimeter zurück. Das Rauschen ihrer Kronen klang empört.

Lysande merkte es nicht. Sie kämpfte gegen die Kälte, leitete Blitz um Blitz in das gemarterte Holz der Kirsche. Schließlich endete ihre Vision so abrupt, wie sie begonnen hatte.

Lysandes rotbraune Haare klebten am Kopf, und Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn. „Lukas! Der Schwarze Schatten ist da.” Schwer atmend und schweißdurchtränkt kämpfte sich Lysande in die Höhe.

Der Rabe krächzte fragend.

„Woher ich es weiß? Ich habe die Vogel Roch Kolonie am Fernen Meer gehört.”

Der Rabe schmiegte seinen Kopf an den Hals der Hexe und gurrte.

„Du hast Recht. Wenn wir ihn nicht stoppen können, müssen ihn wenigstens bremsen. Und ich weiß, was am besten gegen seine Kälte hilft.” Lysande atmete ein paar Mal tief durch. Sie streckte die Arme zum Himmel aus und sang leise vor sich hin. Die Sonne schien immer heller, und es wurde heißer und heißer. Der Rabe öffnete den Schnabel und hechelte. Er plusterte sein weißes Gefieder auf und duckte sich in den Schatten, den Lysandes Kopf warf. Mit einer befehlenden Geste zeigte die Hexe in die Ferne. Schlagartig kühlte es wieder ab.Lysande with her crystal ball

Erschrocken flatterte der Rabe von ihrer Schulter und verkroch sich, so gut es ging, zwischen den trockenen Ästen der Kirsche. Als er sich wieder hervortraute hatte Lysande ihre Kristallkugel geholt und sich auf die Bank unter der verkrüppelten Kirsche gesetzt.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie in die Kugel. „Es ist ein Mädchen, Lukas. Ich kann es nicht glauben. Ein junges Mädchen, keine zwanzig Lenze!”

Der Rabe krächzte und Lysande nickte. „Du hast Recht. Ich gehe lieber auf Nummer Sicher. Mal sehen, was es in der Gegend alles gibt.” Sie nahm ein dickes, schwarzes Buch zur Hand, das neben ihr auf der Bank lag und blätterte darin. „Sieh mal an. Außer der Roch Kolonie gibt es ein paar Mantikora und Riesenspinnen, Super!”

Lysande krempelte die Ärmel ihres grünen Kleides hoch und zeichnete ein kompliziertes Muster in den Staub zu ihren Füßen. Dann sprach sie einige Worte, die wie Peitschenhiebe klangen. Der Rabe zuckte zusammen, und die Kirsche stöhnte. Das Muster verschwand, als wäre es nie da gewesen.

Lysande wischte sich den Schweiß von der Stirn. „So, das war’s. Falls sie die Sonne überlebt, wird sie von dem nächsten Raubtier in Stücke gerissen, das ihre Fährte aufnimmt.”

***

Weit entfernt schleppte sich Melissa durch das scheinbar endlose Grasland. Sie leckte sich die Lippen. Die Luft schmeckte noch immer nach Salz. Sie sah zu den Brutfelsen zurück, die wie ein schmales braunes Band zwischen dem gelblichen Grün des Grases und dem wolkenlosen Himmel wirkten.

Erstaunlich, dass es so dicht am Meer so heiß sein kann. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn und ging weiter an dem schmalen Ausläufer der Felsen entlang. Hier gab es wenigstens gelegentlich etwas Schatten.

Ihr Mund war so ausgedörrt wie das Gras zu ihren Füßen. Ihre Kehle schmerzte, die Zunge klebte am Gaumen, und ihre Lippen fühlten sich an wie Sandpapier. Der Schnitt in ihrer Fußsohle jagte bei jedem Schritt einen Stromschlag ihr Bein hinauf, und die Kratzer an Armen und Beinen juckten. Die langen, trockenen Halme der Gräser schlugen ihr gegen die Beine wie Peitschen. Schritt um Schritt kämpfte sie sich vorwärts.

Die Luft flimmerte und verzerrte Entfernungen. Mal sah es so aus als seien die Berge zum Greifen nah, dann wieder waren sie unendlich weit weg. Melissa hatte nur noch einen Gedanken: Wasser. Sie steckte einen kleinen Stein in den Mund, weil sie irgendwann einmal gelesen hatte, dass Wüstenbewohner so etwas taten. Es half ein wenig.

Vorige SeiteStartseiteNext Page

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: