Teil 11

Jeder Schritt war eine Qual. Das gleißende Sonnenlicht brannte in ihren Augen. Sie hatte Kopfschmerzen, und ihr Fuß puckerte. Die Haut auf ihren nackten Armen rötete sich trotz der Sonnenschutzcreme, die sie in einem anderen Leben auf ihrem Körper verteilt hatte. Mit jedem Schritt dröhnte ihr Schädel ein wenig mehr, und die Sonne brannte von Minute zu Minute heißer. Endlich entdeckte Melissa eine schattige Öffnung in den glühend heißen Felsen. Sie schleppte sich mit letzter Kraft hindurch. Klebrige Fäden strichen über ihre Arme. Ihr wurde schwarz vor Augen.

Sie träumte, dass es regnen würde. Ihr ausgedörrter Körper saugte die kühle Feuchtigkeit auf, wie ein Schwamm. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass ihr tatsächlich Wasser ins Gesicht tropfte. Sie öffnete die Augen und versuchte sich umzusehen, aber ihr Kopf war mit dünnen Seilen am Boden festgeklebt. Etwas Dunkles, Pelziges mit zwei großen Hörnern verdeckte die Sonne. Von den Hörnern tropfte etwas Flüssiges in Melissas Gesicht.

Neben ihrem Kopf erklang eine Stimme. „Mama, es ist aufgewacht.”

Der gehörnte Schatten antwortete: „Beiß endlich zu, Leander, bevor es dir etwas tut.” Der Schatten trat ein paar Schritte zur Seite. Nun konnte Melissa erkennen, dass eine riesige Spinne neben ihr stand. Sie schrie. Im selben Augenblick spürte sie ein Brennen am Hals, das sich in kurzer Zeit in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie verlor erneut das Bewusstsein.

Als sie das nächste Mal zu sich kam, hing sie in einer Art Kokon am Ast eines knorrigen Baums. Nur ihr Kopf war nicht in seidige Spinnenfäden eingewickelt. So weit sie sehen konnte, stand der Baum in einem Tal das von Felsen umsäumt war. Hier und dort kämpften einige Büsche und Bäume ums Überleben, und überall lagen Felsbrocken in verschiedenen Größen herum. Ein Windhauch strich über ihre Wangen, und sie merkte, dass ihr Oberkörper und ihre Arme kribbelten als tanzten tausende Ameisen auf ihnen Tango. Noch schlimmer war, dass sie Unterkörper und Beine nicht spürte.

Um nicht in Panik zu geraten, atmete sie tief durch.

Dabei hörte sie ein unterdrücktes Kichern und mehrere Kinderstimmen redeten durcheinander. „Aber Mama! Warum können wir es nicht mal angucken? Ich hab noch nie einen Menschen gesehen. Ist es wirklich ein Mensch? Ich dachte, Menschen gibt es nur in Märchen.”

Eine tiefe Stimme schimpfte im Flüsterton. „Nein, ihr könnt es nicht angucken. Nun seid endlich leise, sonst kommt ein Roch und frisst euch auf.”

Melissa drehte sich zu den Stimmen um und reckte den Hals, um besser sehen zu können. Die Riesenspinne saß auf dem Boden vor einem unglaublich großen Spinnennetz, in dem die Spinnenkinder herumturnten. Wie viele es genau waren, konnte Melissa nicht erkennen. Die katzengroßen Kleinen waren zu flink. Melissas Herz klopfte schneller. Ich muss wirklich in einer anderen Welt sein. Sie zitterte. Es war etwas anderes, von Abenteuern in fremden Welten zu lesen, als sich plötzlich in der Seide einer pferdegroßen Spinne wiederzufinden. Warum muss ich ausgerechnet in diese Welt geraten? Ich muss verschwinden, bevor die Spinnen Hunger kriegen.

Melissa in silkSie versuchte, sich aus dem Kokon aus Spinnenseide zu befreien. Entsetzt merkte sie, dass ihre Hände nicht gehorchten. Sie konnte nur den Kopf und den Hals frei bewegen, die Schultern reagierten langsam, Arme und Hände gar nicht auf ihre Anstrengungen. Schließlich begriff sie, was passiert war. Eines der Kinder hat mich gebissen, und nun bin ich gelähmt. Mit einem Mal lief ihr Schweiß vom Hals über die Wangen in die Augen, und ihr Herz raste. Wenn sie sich hätte bewegen können, wäre sie davongerannt. Die Lähmung zwang sie dazu, ihre Panik zu bekämpfen. Verzweifelt überlegte sie, was sie tun könnte.

Schließlich erinnerte sie sich an Herberts Vortrag über giftige Fische. Damals war er ihr langweilig vorgekommen. Hätte ich nur besser zugehört. Sie zermarterte sich das Hirn, bis sie sich an seine Ratschläge erinnerte. Bewegung! Wenn ich mich bewegen kann, wird mein Körper das Gift schnell wieder ausscheiden. Ich muss mich befreien!

Melissa zog die Schultern nach vorne, so dass sich die Spinnenseide ein Stück von ihrem Körper abhob. Mit den Zähnen packte sie die klebrige Masse und zerriss die Fäden.

„Ah, du bist wach. Da hab ich doch richtig gehört.”

Melissa fuhr herum und starrte die junge Spinne neben ihrem Kopf entsetzt an. Die Kauwerkzeuge, so groß wie der Kopf der Rohrzange aus dem Werkzeugkoffer ihres Onkels, waren nur ein kleines Stück von ihrem Gesicht entfernt. Melissa schwitzte vor Angst.

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