Teil 12

Die Spinne legte den Kopf auf die Seite. „Du kannst dich ja bewegen. Erstaunlich.” Flink krabbelte das Spinnenkind über Melissa und kletterte zum Baum hoch. Mit einem kräftigen Biss durchtrennte es den fingerdicken Faden, an dem der Kokon hing. Unsanft plumpste Melissa zu Boden, und die Spinne sprang mit einem Satz hinterher. Melissa biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu zeigen, dass ihr der Sturz wehgetan hatte. Ihr Herz raste. Ich will nicht gefressen werden. Sie versuchte wegzurollen, aber ihr Körper gehorchte nicht gut genug. Die Spinne setzte sich auf Melissas Brust und sah sie mit ihren winzigen Augen an.

„Nun guck doch nicht wie ein hypnotisiertes Einhorn. Ich werde dich nicht gleich auffressen.”

„Ich würde eigentlich lieber gar nicht gefressen werden. Weder gleich, noch später.” Melissas Antwort klang heiser. Dabei wunderte sie sich insgeheim, dass sie überhaupt noch reden konnte.

Die Spinne klackte ärgerlich mit ihren Kauwerkzeugen. „Du bist wohl auch in dem Glauben aufgewachsen, wir würden alles fressen was uns vor die Mandibel gerät. Typisch!”

„Was sind Mandibeln?” Melissas Neugier war genauso groß wie ihre Angst.

„Na, die hier.“ Die Spinne bewegte ihre Kauwerkzeuge hin und her.

Melissa wurde bleich. Sie wäre gerne ein Stück zurückgewichen, doch so eingewickelt wie sie war, hatte sie keine Chance. Die Spinne beugte sich vor und senkte die Mandibeln, bis ihre winzigen Punktaugen nur noch eine Handbreit von Melissas Gesicht entfernt waren.

„Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Menschen gefressen. Nur ab und an mal ein Einhorn. So, und jetzt halt still.” Die junge Spinne begann die Fäden aufzufressen, in die Melissa eingewickelt war. Es dauerte nicht lange und der ganze Kokon war verschwunden.

„Lauf weg, bevor meine Mama etwas merkt. Gleich vor unserem Felsental ist ein Einhornpfad.” Die Spinne zeigte auf den Ausgang des Tals hinter dem großen Netz.

Melissa bedankte sich, blieb aber noch liegen. Die Freundlichkeit der kleinen Spinne verwirte sie. „Warum tust du das? Ich wäre doch sicherlich eine ziemlich gute Mahlzeit für dich und deine Familie.“

Die Spinne legte den Kopf schief. Sie schien nachzudenken. „Vielleicht schmecken uns Menschen nicht.“

„Das kannst du nicht wissen. Ich habe gehört, dass du noch nie einen gesehen hast.“

Die Spinne kicherte. „Hast Recht. Mama meint, wir müssen dich fressen, weil du unser Tal sonst an die Jäger verrätst. Aber ich glaube das nicht.“

Melissa wunderte sich. „Warum sollten Menschen euch jagen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr ihnen schmeckt, und gefährlich seid ihr außerdem.“

„Die Spinnenjäger töten uns wegen unseres Giftes. Es ist für alle Lebewesen hier auf Greenwitch tödlich. Deshalb ist es auch so merkwürdig, dass du dich bewegen kannst.“

„Ich bin nicht von hier.“ Melissa setzte sich auf. Ihr Unterkörper war noch immer taub. Immerhin kribbelten die Beine, und die Arme gehorchten ihr wieder.

„Leander! Was machst du da? Du sollst nicht mit dem Essen spielen!” Die Riesenspinne seilte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aus der Baumkrone ab.

Melissa blieb fast das Herz stehen. Sie wusste, dass sie keine zweite Gelegenheit zur Flucht bekommen würde. Diesmal werde ich von der Mutter gebissen, und ihr Gift ist sicher stärker, als das ihrer Kinder. Das werde ich sicherlich nicht überleben.

„Zisch ab. Mutter hat dich noch nicht gesehen. Wir können nicht gut gucken, unsere Augen sind zu klein.” Leander stupste Melissa in die Seite, so dass sie umkippte.

Der Schnitt in ihrem Fuß begann wieder zu pochen. Der Schmerz zog ihr Bein hinauf, so dass sie nicht aufstehen konnte. So gut sie konnte robbte sie auf den Ausgang des Tals zu, den Leander ihr gezeigt hatte.

In diesem Augenblick brach etwas durch die Baumkronen, dass weit größer war, als die Mutterspinne. Holz krachte und splitterte. Blätter, Zweige und Aststücke prasselten zu Boden.Melissa mit Leander

„Vogel Roch”, schrie Leander entsetzt. Seine Mutter trillerte ein Warnsignal und sprang in die Höhe, dem Angreifer entgegen.

Wie hypnotisiert starrte auf Melissa den riesigen, hellblauen Greifvogel, der schnell näher kam. Die schwarzen Klauen sausten auf sie zu. Sie waren so lang wie ihr Unterarm, glänzend von Fischtran und Blut. Bevor sie Melissa erreichten prallte der Vogel gegen die Riesenspinne. Kreischend fielen sie übereinander her.

Ohne zu überlegen, packte Melissa Leander, stopfte ihn unter ihren Pullover und rutschte außer Reichweite der beiden Kämpfer. Das ist meine Chance. Ich muss es schaffen. Mühsam kämpfte sie sich in die Höhe. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie aus Wackelpudding und der Schmerz vom Fuß pulsierte bis zu ihrer Hüfte. Schon nach ein paar Schritten musste sie sich an einem Baum festhalten, weil ihr schwindelig wurde.

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