Teil 13

Wütendes Gekreisch erfüllte die Luft. Der Angreifer versuchte an der Spinne vorbeizukommen. Aber obwohl Leanders Mutter dem Roch nur bis an den Bauch reichte, war sie ein würdiger Gegner. Faden um Faden schoss dem Greifvogel um den Kopf, verklebte ihm Augen und Gefieder. Er wurde langsamer, schwerfälliger. Zahlreiche Schnittwunden von den scharfen Mandibeln der Spinne bedeckten seine Beine. Blut tropfte in den Sand.

Melissa schleppte sich von Baum zu Baum dem Spinnennetz entgegen, hinter dem der Ausgang des Tals lag. Sie entdeckte mehrere Spinnenkinder, die sich mit eingezogenen Beinen hinter Steinen und unter Büschen versteckt hatten. Unbehelligt erreichte sie den Ausgang. Ein kühler Windhauch wehte durch die Öffnung im Felsen. Vorsichtig, um nicht festzukleben, stieg sie über die seidigen Spinnenfäden. Als sie um die Ecke bog, sah sie sich noch einmal um.

Der Roch kreischte frustriert, schüttelte die meisten Spinnenfäden ab und schwang sich in die Luft. Die Spinne kletterte ihm nach, so weit die ramponierten Bäume sie trugen. Melissa starrte dem Vogel hinterher, der Richtung Meer davon schwebte. Sein hellblaues Gefieder verschmolz schnell mit den Farben des Himmels, was es schwer machte ihn zu sehen. Sie staunte über die langen, kraftvollen Schwingen, mit denen der Vogel jeden Aufwind zu nutzen verstand. „Wie majestätisch er aussieht, wenn er fliegt.”

„Wenn er bloß nicht so gefährlich wäre”, klang es unter ihrem Pullover hervor. Erst jetzt wurde Melissa bewusst, dass sie noch immer die kleine Spinne vor dem Bauch trug. Für eine Sekunde ekelte sie sich, doch Leander fühlte sich flauschig weich an. Außerdem hatte er ihr das Leben gerettet. Melissa schüttelte den Ekel ab und stolperte weiter. Wenige Meter hinter dem Ausgang des Tals sank sie ins Gras. Schon wieder klebte ihre Zunge am Gaumen. Ohne die Anspannung der Flucht merkte sie erst, wie durstig sie war. Sie lehnte sich gegen einen Felsbrocken und genoss den Schatten. Die Hitze raubte ihre letzten Kräfte.Melissa kann nicht mehr

Leander krabbelte aus seinem Versteck ins Freie und blinzelte mit allen sechs Augen in die Sonne. „Puh, ist das hell hier.“ Er kletterte Melissas Beine hinunter ins Gras. Seine haarigen Fußkrallen kitzelten, aber Melissa war sogar zum Kichern zu erschöpft.

Sie seufzte. „Ich kann nicht mehr. Nun wird mich deine Mutter doch noch erwischen.”

„Aber nicht doch. Mama verlässt das Tal nicht. Seit mein Vater verschwand, ist sie nie wieder ins Grasland gegangen.”

„Heißt das, ich bin gerettet?”

Leander klickte zustimmend mit den Mandibeln. Melissa atmete erleichtert auf. Sie betrachtete das Spinnenkind eine Weile nachdenklich. Schließlich sagte sie: „Vielen Dank für meine Rettung. Übrigens, ich heiße Melissa.”

„Ich bin Leander”, sagte die kleine Spinne.

„Das habe ich mir gedacht.” Melissas Lächeln sah noch ein wenig schief aus, aber die Angst war verschwunden.

Leander legte den Kopf schief. „Ich frage mich, was der Roch hier wollte. Normalerweise verlassen sie das Meer nur zum Brüten.“

Melissa zuckte mit den Schultern. Sie hatte keine Ahnung, warum sich der Greifvogel so weit von seinem Nest entfernt hatte. „Vielleicht hatte er einfach mal Appetit auf Riesenspinnen.”

„Roch sind Fischfresser. Riesenspinnen fressen sie nur, wenn wir ihnen zu nahe kommen.”

„Der da war jedenfalls wie verhext.“

„Ich fand, dass er es am meisten auf dich abgesehen hatte. Vielleicht hatte er Appetit auf Menschenfleisch”, sagte Leander.

Melissa zog eine Grimasse. „Warum sollte sich so ein Roch ausgerechnet für mich interessieren?”

Leanders Mandibeln öffneten und schlossen sich, während er nachdachte. Schließlich klickte er zufrieden. „Wie du schon sagtest, er war wie verhext. Wahrscheinlich hat dich jemand verflucht. Du solltest so schnell wie möglich nach Hause gehen und dir einen Schutzzauber besorgen.”

„Aber das kann ich nicht. Ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin oder wie ich hierher gekommen bin.” Melissa setzte sich Leander aufs Knie und erzählte ihm, was ihr passiert war. Sie beschrieb ihre Verwandten und erklärte, was ein Herzanfall war. Sie zeigte ihm den leuchtenden Bernstein, ihre zerkratzten Arme und Beine und den Schnitt in ihrer Fußsohle. Sie deutete auf das dunkle Band von niedergetretenem Gras in der weiten Ebene. „Da bin ich entlanggegangen. Ich suche nach Menschen, die mir helfen können.“

„Du bist eindeutig durch Zauberei nach Greenwitch gekommen. Lass mich nachdenken.” Leander strich sich mit dem hintersten Beinpaar über seinen pelzigen Hinterleib. „Du müsstest mal mit den Sprechenden Bäumen im Einhornwald reden. Vielleicht können die dir helfen. Die kennen sich ziemlich gut aus mit Zauberei.”

Melissa schüttelte verwundert den Kopf. Sprechende Bäume! Diese Welt ist genauso fantastisch wie die Fantasy-Romane, die ich lese. Sie holte tief Luft und setzte sich aufrecht hin. „Und wie komme ich in den Einhornwald? Meine Beine sind noch immer nicht ganz in Ordnung und mein Fuß fühlt sich an, als gehöre er nicht mehr zu mir. Außerdem habe ich Hunger.”

„Ich hole dir etwas zu essen und wenn du dich ausgeruht hast, fangen wir ein Einhorn.”

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