Teil 14

Melissa war überrascht. „In dieser Welt gibt es tatsächlich Einhörner?”

Leander nickte und hüpfte fröhlich auf und ab. „Sie ziehen um diese Jahreszeit vom Meer zurück in den Wald.”

„Was machen die Einhörner am Meer?” Melissa war verwirrt.

Leander klickte ungeduldig mit den Mandibeln. „Sie lassen ihre Eier von der Sonne ausbrüten. Wenn die Fohlen groß genug sind, gehen sie wieder in den Wald zurück.”

Melissa zog die Augenbrauen hoch. „Sie schlüpfen aus Eiern?“

„Weißt du denn gar nichts über Einhörner?”

Sie schüttelte den Kopf. „In meiner Welt gibt es Einhörner nur in der Fantasie. Kein Mensch glaubt wirklich an sie.”

Leander legte den Kopf schief. „Kein Wunder, dass ihr keine habt. Sie sind sehr empfindlich, was die Aufmerksamkeit der Menschen angeht. Wirst schon sehen.” Er reckte sich in die Höhe und sah sich um. „Wenn ich dir was zu essen geholt habe, suche ich einen guten Platz, wo wir ein Fangnetz bauen können.” Er sauste davon, zurück in das Tal seiner Mutter.

Melissa wollte ihm nachrufen, dass sie keine rohen Tiere essen würde, unterließ es aber. Sie befürchtete, Leanders Mutter auf sich aufmerksam zu machen.

Wenig später kam die kleine Spinne zurück. Auf dem Rücken balancierte sie eine violette Frucht, die in der Form an eine Birne erinnerte. „Das essen die Kaninchen immer. Es kann also nicht giftig sein. Von unserem Essen konnte ich dir nichts bringen, sonst hätten meine Mutter und meine Geschwister nicht genug.“

Melissa versicherte Leander, dass die Frucht genau das Richtige für sie sei. Zaghaft biss sie hinein. Süßer Saft schoss heraus und füllte ihren Mund. Genießerisch schluckte und kaute sie, während Leander hin und her rannte und Früchte herbeischleppte. Als sie satt war, riss sie einen Streifen von ihrem Sommerkleid ab und wickelte die übrig geblieben Früchte darin ein. Sie gähnte.

Leander sah sie an und legte den Kopf schief. „Ruh dich etwas aus. Wir brauchen dich nachher als Köder. Nichts wirkt so anziehend auf ein Einhorn wie eine Jungfrau. Ich baue in der Zwischenzeit ein Netz.”

Melissa nickte dankbar, schloss die Augen und lehnte sich zurück.

***

Ungläubig starrte Melissa auf das Einhorn, das sich in dem Netz verfangen hatte. Der schneeweiße Hengst kämpfte mit allen vier Hufen und verwickelte sich immer mehr in den klebrigen Fäden. Er war nicht viel größer als ein Shetland-Pony.Melissa and the unicorn

„Oh helft mir doch, holde Maid, bevor der unsagbare Schrecken kommt und mich zu verschlingen sucht.” Seine Stimme erinnerte Melissa an silbrig glänzende Bäche. Die Angst in seinen Augen steigerte sich zur Panik, als er Leander sah. Er strampelte so heftig, dass er kaum noch Luft bekam. Doch als sich die Spinne seinem Kopf näherte, erstarrte er. Melissa konnte das Weiße seiner Augen sehen.

„Ein Prachtexemplar.” Leander biss einen Faden durch, der dem Einhorn die Kehle zuschnürte.

Melissa sah ihn an. „Ist er nicht etwas klein?”

„Nein, er ist sogar ziemlich groß für ein Einhorn. Er wird dich ohne Schwierigkeiten tragen können.”

Als das Einhorn begriff, dass es geritten werden sollte, wurde es mutiger und protestierte. „Ich kann niemanden tragen. Ich bin schwächlich, meine Gesundheit ist angegriffen. Außerdem würde mein wohlgepflegtes Fell in Mitleidenschaft gezogen. So etwas kann niemand von mir verlangen.” Mit seinen dünnen Beinen, dem schlanken Körper und dem zierlich gedrehten Horn wirkte das Einhorn kaum stark genug, einem stärkeren Wind zu trotzen.

Melissa glaubte ihm. „Da hörst du es. Er kann mich nicht tragen.”

Leander klickte wütend mit den Mandibeln. Er kletterte auf den Hals des Einhorns bis er mit Melissa fast auf einer Höhe war. „Mensch, verstehst du denn nicht! Einhörner sind nicht nur stark, sie sind magisch. Solange er die Einhornpfade nicht verlässt, kann ihn kein Tier dieser Welt einholen, nicht einmal wenn er schwer beladen ist.”

Melissa begriff, worauf Leander hinaus wollte. „Dass heißt, dass mir weder deine Mutter noch die Roch folgen könnten. Was sind Einhornpfade?”

„Die traditionellen Wanderrouten der Einhörner.” Leander klickte mit den Mandibeln und beugte sich zu dem Hengst hinunter. „Aber wenn du nicht helfen willst, fangen wir uns eben ein anderes Einhorn. Du wirst meiner Familie hervorragend schmecken.”

Der Einhornhengst zitterte am ganzen Körper. „Ich tue alles, nur verschont mich! Ich werde die holde Maid tragen wohin ihr Herz sie zieht, aber bitte, bitte verspeist mich nicht!”

So schnell er konnte knabberte Leander die Seidenfäden durch. Wenig später stand der Hengst mit dem Rücken zum Fels. Er zitterte noch immer. Leander katapultierte sich in die Höhe. Der Hengst sprang erschrocken zur Seite, aber die kleine Spinne landete genau auf seinem Rücken.

„Ich komme mit, damit du Melissa nicht betrügst.”

„Leander, wo bist du? Leander, Liebling!” Die Stimme der Spinnenmutter dröhnte durch die Schlucht, als sie sich aus dem Spinnental schob.

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