Teil 15

Ein Schauer lief Melissa über den Rücken. Mit ihrem schmerzenden Fuß war sie leichte Beute für die Spinne. Auch der Einhornhengst zitterte. Melissa sah Leander vorwurfsvoll an. „Du sagtest, sie verlässt ihr Tal nie.”

„Ich hatte gehofft, dass sie glaubt der Roch hätte mich erwischt. Los! Schnell jetzt”, flüsterte Leander. Ungelenk kletterte Melissa auf das Einhorn. Als sie saß, atmete sie erleichtert auf, denn ihr Fuß fühlte sich an, als würde er von der Sohle her aufgefressen. Der Blick des Einhorns wanderte zwischen Leanders Netz und der riesigen Spinne hin und her. Es war vor Angst erstarrt.

„Nun lauf endlich.“ Melissa kickte ihm die Fersen in die Flanken. Der Hengst machte einen Sprung und sauste an der Riesenspinne vorbei. Er flog geradezu über das gelbe Gras. Melissa beugte sich vor bis sie beinahe auf seinem Rücken lag und klammerte sich an der Mähne fest. Sie staunte über die Kraft des schlanken Tiers. Nie hätte sie ihm eine solche Geschwindigkeit zugetraut. Eine zeitlang ritten sie schweigend. Melissa staunte wie schnell die Berge näher kamen. Trotzdem langweilte sie sich bald, denn Leander war eingeschlafen und das Einhorn schwieg beharrlich.

***

Während Lysande das Abendessen für sich zubereitete, dachte sie über das Mädchen nach.

„Ich hätte nie gedacht, dass das Böse so harmlos aussieht“, sagte sie mehr oder weniger zu sich selbst, denn Lukas saß in der guten Stube und lauerte den Mäusen auf, die dort gerne auf Nahrungssuche gingen. „Ich kann kaum glauben, dass ich sie besiegt habe. Es war so einfach. Es kann doch nicht so einfach sein, oder?“ Gedankenverloren würfelte sie das Fleisch und warf es ins kochende Wasser. Sie schwenkte die Halterung mit dem Suppentopf weiter über das Feuer und begann, das Gemüse zu putzen.

Aus einem Spiegel in der guten Stube erklang eine kurze Tonfolge, die an das Glucksen von Wasser auf den Steinen eines Baches erinnerte. Der Rabe Lukas rief krächzend nach seiner Herrin. Sie wischte sich die Finger an ihrer Schürze ab und ging in die Stube. Dort hauchte sie den Spiegel an und sprach die Worte, die eine Verbindung zu seinem Zwilling herstellten.King Gregor

Ein Mann mit Krone erschien. Seine Kleidung war beeindruckend schlicht, aber von hervorragender Qualität, und die dunklen Haare und der Spitzbart wirkten gepflegt. Lysandes Stirn furchte sich, als sie das Gesicht ihres älteren Bruders erkannte. „Gregor! Was willst du denn schon wieder?”

„Aber Sibylle! Es ist fast fünfzehn Jahre her seit wir miteinander gesprochen haben.”

„Ich heiße nicht mehr Sibylle, Gregor. Komm zur Sache.”

Der Mann im Spiegel nahm seine Krone ab und drehte sie mit den Händen hin und her. „Prinz Victor feiert morgen seinen sechzehnten Geburtstag, und wir haben einen Maskenball geplant. Alle Frauen kommen als Männer und alle Männer als Frauen. Ich wollte dich bitten zu erscheinen.”

„Ich habe Besseres zu tun, als auf einem Maskenball den Idioten zu spielen.”

„Er ist dein einziger Neffe. Willst du nicht einmal dabei sein, wenn er sich eine Braut wählt?”

Lysande stemmte die Fäuste in die Hüften und beugte sich vor. Ihre Augen funkelten Gregor an, und eine steile Falte bildete sich zwischen ihren Augenbrauen. „Ach, da läuft der Hase! Ich soll ihm wohl zur Verlobung prophezeien, was? Aber da habt ihr euch geschnitten. Ich bin die Herrin der Sprechenden Bäume! Such dir jemand anderen für dein Possenspiel. Ich komme nicht.” Eine Handbewegung ließ den Spiegel milchig werden. Die Verbindung verflüchtigte sich, aber Lysandes Wut nicht.

„Dieser Dussel. Immer meldet er sich, wenn ich ihn am wenigsten brauchen kann.“

Lukas flog in die Küche, setzte sich auf die Lehne eines freien Stuhls und krächzte besänftigend.

„Ich weiß, dass er nichts dafür kann, dass ich mich mit dem Bösen rumschlagen muss. Wenn ich bloß sicher wäre, dass sie auch wirklich tot ist.“ Während sie das Gemüse putzte, erklärte sie Lukas ihr Problem. „Was ist, wenn das Mädchen all meine Zauber überlebt hat? Das Böse ist sehr schwer zu besiegen.”

Krächzend erinnerte sie der Rabe an die Kristallkugel, mit der sie lange erfolglos gesucht hatten.

„Ich weiß, dass wir sie im Kristall nicht finden konnten, aber sie ist sicherlich eine bessere Hexe als ich. Wenn sie meine Zauber bemerkt hat, wird sie sich schützen. Wir müssten auf Nummer sicher gehen.“ Lysande warf das Gemüse zu dem Fleisch in den Topf und seufzte.

Dann schlug sie sich mit der Hand an die Stirn. „Das ist die Idee!”

Der Rabe legte fragend den Kopf schief.

Lysande ging in die Hocke und sah ihm direkt in die Augen. „Überleg doch mal! Gregors Heer ist nur eine Weissagung weit entfernt.”

Die schwarzen Knopfaugen des Raben blickten Lysande unverwandt an.

Die Hexe wusste, dass er auf eine Erklärung wartete.

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One response to this post.

  1. Posted by coarmody-online on September 24, 2010 at 7:07 pm

    warum nicht:)

    Antwort

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