Teil 16

„Gregor wird verzweifelt nach einer Seherin für Victors Verlobung suchen. Viele gibt es ja nicht mehr. Ich brauche mir nicht einmal einen Vorwand einfallen zu lassen, um an seinen Hof zu kommen.”

Lukas schien immer noch nicht verstanden zu haben.

Lysande wurde deutlicher. „Ich verkleide mich als Seherin. Mit der richtigen Weissagung werde ich ihn dazu überreden können, sein Heer gegen den Schwarzen Schatten zu schicken. Solange ich ihm nicht verrate, dass der Schatten ein junges Mädchen ist, wird er mir all meine Wünsche erfüllen.”

Lukas krächzte zustimmend.

Lysande sprang auf und durchwühlte Kisten und Schränke nach einer Verkleidung. Wenig später lag ein Stapel Kleidungsstücke neben Fläschchen, Tiegeln und Töpfchen. Sie rieb sich die Hände. „Wenn ich fertig bin, wirst selbst du mich nicht mehr erkennen, Lukas. Gleich nach dem Abendessen fange ich an.“

Einige Stunden später betrachtete Lysande ihr Spiegelbild. Ihre schwarzen Flechten waren nun schmutzig grau, das einst so glatte Gesicht von Runzeln durchzogen, und sie hatte ihr Samtkleid gegen ein zerschlissenes Leinenkleid mit Umhang getauscht. Nun sah sie aus wie eine Frau Mitte Fünfzig, die ein entbehrungsreiches Leben führte.

verkleidete Lysande„Was meinst du, Lukas. Gehe ich als Seherin durch?”

Der Rabe gluckste.

Die Hexe drehte sich vom Spiegel weg und strich ihm über die weißen Federn. „Es ist ja auch meine Absicht, dass mich mein Bruder nicht erkennt. Er ist nun mal der einzige, der wenigstens eine Chance gegen den Schwarzen Schatten hat. Ich muss ihn überlisten, verstehst du?” Der Rabe sah seine Herrin mit schief gelegtem Kopf an.

„Du bleibst hier. Dich würde Gregor sofort erkennen.” Lysande nahm die Reisetasche mit ihrer Kristallkugel, einigen nützlichen Zaubertränken, Kräutern und Wechselkleidung und ging zur Haustür. „Pass inzwischen gut auf Haus und Hof auf, mein Lieber, sonst wächst uns der Wald in Null Komma Nichts bis vor die Haustür.”

Der Rabe krächzte mehrfach und flog durch das Haus. Lysande öffnete ihm ein Fenster, damit er auf die Jagd gehen konnte. Lukas landete auf ihrer Schulter, und gemeinsam verließen sie das Haus.

***

Melissa ritt viele Stunden durch das Grasland, begleitet von funkelnden Sternen. Leander schlief noch immer, und das Einhorn schwieg beharrlich.

Bald hielt Melissa es nicht mehr aus. „Hör endlich auf, die beleidigte Leberwurst zu spielen.”

„Die Trauer um mein wunderschönes Haarkleid verschließt meine Lippen”, antwortete das Einhorn.

„Wieso? Was ist mit deinem Fell?”

„Vom Reiten wird es glanzlos und haftet an meiner Haut. Außerdem wird mir die Spinne bestimmt die Mähne verkleben. Ich werde nie wieder zu meiner alten Schönheit zurückfinden.”

Ist der eingebildet. Melissa zuckte die Schultern. „Immerhin lebst du noch.”

Das Einhorn wieherte, und es klang wie Glockengeläut. Melissa bekam eine Gänsehaut.

„Diesen Umstand habe ich nur Euch zu verdanken, holde Maid.”

„Sag nicht immer holde Maid zu mir. Ich bin Melissa.”

Das Einhorn schüttelte seine Mähne und sah so gut es ging über die Schulter zu seiner Reiterin. Sein Horn glänzte im silbernen Sternenlicht. „Ich höre auf den Namen Reginald.”

Melissa lächelte das Einhorn freundlich an. „Was meinst du, wie lange wir noch bis zu den Sprechenden Bäumen brauchen?”

„Nun, das ist schwer zu sagen, holde … ähm … Jungfrau Melissa. Wenn wir auf den Magischen Pfaden bleiben, erreichen wir die Ausläufer des Gebirges in etwa einer Stunde.”

Melissa betrachtete die Berge, die mit jedem Schritt dichter heranrückten. Die Gegend durch die sie ritten, zeigte schon seit einiger Zeit mehr als nur Gras. Niedrige Sträucher warfen seltsame Schatten auf den Weg. Im Gras wiegten immer mehr Blumen ihre geschlossenen Blütenkelche und warteten auf den Morgen. Auf Melissas Schulter streckte Leander seine Beine aus. Sein Bauchfell kitzelte Melissa am Ohr, als er sich gegen ihren Kopf kuschelte. Erst jetzt bemerkte sie, dass der Weg kaum merklich anstieg.

„Wirklich? Nur noch eine Stunde? Dann sind wir ja ruckzuck da.”

„Nicht ganz.“ Reginald schüttelte seine Mähne und schnaubte. „Wie lange wir im Wald suchen müssen, wage ich nicht zu schätzen.”

Melissa zog die Augenbrauen in die Höhe. „Wieso? Ist es denn ein Geheimnis, wo die Sprechenden Bäume wachsen?”

„Aber nein. Es sind nur nicht mehr besonders viele. Auch ziehen sie von Zeit zu Zeit an einen anderen Ort, und es ist schon eine ganze Weile vergangen, seit ich mit ihnen sprach.“

„Bäume die umziehen?“ Melissa wollte es nicht glauben. Bäume waren die am stärksten an einen Ort gebundenen Lebewesen, die sie kannte. Es schien ihr unmöglich, dass sie aus eigener Kraft einen anderen Platz aufsuchten.

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