Teil 17

„Die Sprechenden Bäume sind eben nicht wie andere Bäume.“ Reginald nickte mehrmals mit dem Kopf. Es dauerte eine Weile bis Melissa begriff, dass er sie aufmuntern wollte.

„Bis wir sie gefunden haben, bist du an meinem Teich herzlich willkommen, aber bitte ohne das Spinnentier. Ich gestatte dir gern, mir die Mähne zu kämmen und mir etwas vorzusingen und …”

„Auf keinen Fall!” Melissa schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht als Einhornfriseurin an einem Teich herumsitzen.”

„Mein Teich ist die Krone aller Einhornteiche. Es ist deiner Aufmerksamkeit wohl entgangen, wie schwer es heutzutage ist, einen eigenen Teich zu finden.” Reginald war schon wieder beleidigt. Der Klang seiner Hufen dröhnte auf dem felsigen Boden des Wegs wie Trommelwirbel. Er peitschte seinen Schweif hin und her.

Ich wünschte er würde nicht so schnell einschnappen. Melissa überlegte nicht lange, wie sie das Einhorn am besten ablenken könnte. Es gab so vieles, was sie über diese Welt wissen wollte. Sie fragte ihn das erste, was ihr in den Kopf kam. „Warum bleibst du nicht am Meer. Da ist doch mehr als genug Wasser.”

„Den Stuten ist meine Anwesenheit nicht genehm, solange sie die Fohlen lehren. Außerdem ruiniert der Meerwind meine Mähne. Früher, als die Mädchen aus dem Dorf noch vorbeikamen und mich kämmten, umwallte mich eine wirklich schöne Mähne.” Reginald atmete tief durch. „Ach, das waren noch Zeiten. Aber ich bin wählerisch. Nur einer Jungfrau lege ich mein Haupt in den Schoß …” Mitten im Satz veränderte sich seine Stimme. Sie wurde schärfer, und er warf einen grimmigen Blick auf Melissa. „… oder lasse sie auf mir reiten.”

ReginaldSie ignorierte seine Laune einfach. „Ich frage mich, warum dich die Jungfrauen nicht mehr besuchen kommen. Gehen sie lieber zu den Stuten?”

„Niemals. Stuten interessieren sich nicht für Menschen. Außerdem sind sie schwer zu finden. Ich kenne keine einzige, die ein so reinweißes Fell hat wie ich. Wenn ich es recht bedenke, hat auch kein Hengst so ein schönes Fell. Egal welche Farbe ich wähle, ich sehe immer umwerfend aus.”

Melissa versuchte, alles zu behalten, was Reginald über Einhörner erzählte, aber seine Prahlereien machten es schwer, ihm alles zu glauben. Sie hakte nach. „Heißt das, ihr könnt eure Fellfarbe verändern?”

„Aber sicher. Sieh her. Wie gefällt dir Mitternachtsblau?”

Mit weit aufgerissenen Augen sah Melissa zu, wie sich das Fell vom Schwanz bis zu den Nüstern verfärbte. Wo eben noch eine weiße Mähne im Wind wehte, umklammerten ihre Finger nun dunkle Haare in denen ebenso viele Sterne funkelten, wie am Himmel.

„Das ist Schwarz.”

„Mitternachtsblau klingt romantischer und ich bin eine enorm romantische Persönlichkeit.“ Reginalds Glockenstimme wurde weicher, verführerischer. Sie lullte Melissa ein. „Hättest du nicht Lust, mir die Mähne zu kämmen? Ich kenne hier in der Nähe ein ganz entzückendes Plätzchen, wie geschaffen zum Ausruhen. Du schuldest mir etwas für den Ritt.”

Leander streckte ein Bein aus, als wolle er Reginald damit drohen. „Nix da. Ich habe dein Leben verschont. Das ist mehr als genug.”

Reginald schnaubte. Um ihn zu versöhnen, streichelte Melissa seinen Hals. „Ausruhen klingt wirklich nett. Ich bin leider immer noch nicht so ganz auf der Höhe.”

Reginald schüttelte die Mähne und sagte mit sanftester Stimme: „Deine Hand ist so zart. Streichelst du mich noch etwas?”

Melissa fühlte sich mit einem Mal wie in einem Traum. Die aufgehende Sonne bemalte den Himmel mit Farben, strahlender als je zuvor. Die Blumen in den Wiesen, durch die sie ritten, öffneten ihre Kelche und dufteten süßer als alles, was sie je gerochen hatte. Der Gesang der Vögel klang lieblich vom fernen Wald herüber. Doch am prächtigsten kam ihr das Einhorn vor. Die Sterne in seinem schwarzen Fell funkelten wie ferne Galaxien. Verzaubert streckte sie die Hand nach Reginalds Mähne aus.

Schmerz wie von einem Stromschlag durchzuckte ihren Arm. Verwundert starrte sie auf ihre Hand. Ein Blutstropfen quoll aus einer winzigen Wunde und die Finger kribbelten von dem Gift, das bei dem Biss in ihren Körper gelangt war.

Leander sah sie wütend an. Er hatte Blut an den Mandibeln. „Streichle nie … nie … niemals ein Einhorn. Beinahe hätte er dich gehabt. Dann hättest du für den Rest deines Lebens Haare kämmen dürfen.”

Melissa starrte ihn mit aufgerissenen Augen an und massierte die schmerzende Hand. Sie schluckte. „Entschuldige, das habe ich nicht gewusst.”

Leander war schlagartig nicht mehr wütend. „Meine Schuld. Ich hätte dich warnen müssen.”

„Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu schaden. Meine Natur verlangte danach. Bitte verzeiht einem schönen Hengst, holde Maid – äh, Jungfrau Melissa.” Reginald ließ die Ohren hängen.

Leander klickte mit den Mandibeln und sprang von Melissas Schulter auf Reginalds Hals.

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