Teil 18

„Vielleicht sollten wir wirklich eine kleine Pause machen“, schlug Leander vor. Mit schief gelegtem Kopf betrachtete er das Gelände um sie herum. Es war felsenreich und stieg immer steiler an. „Wir haben die Ausläufer der Berge erreicht. Auf dem Weg zum Pass gibt es bestimmt einige Höhlen.“

„Ich kenne eine gute, nicht weit von hier entfernt. Wenn Ihr mir noch einmal vertrauen könntet, Jungfrau Melissa, würde ich sie Euch mit Freuden zeigen.“ Reginald schaffte es zugleich zerknirscht und elegant auszusehen.

Melissa ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie hatte keine Lust, noch eine unangenehme Überraschung zu erleben. „Es gibt dort keinen Einhornteich, oder?“

Reginald runzelte die Nüstern. „Einhörner leben nicht in Höhlen. Wir bevorzugen den Wald.“

„Also los, worauf wartest du“, sagte Melissa und Reginald ging schneller. Wenig später trabte er in eine Höhle. Steifbeinig stieg Melissa ab. Jetzt schmerzten nicht nur der Schnitt in ihrer Fußsohle und die Kratzer auf Armen und Beinen. Heimlich rieb sie sich den Hintern und setzte sich vorsichtig in die Mulde eines großen Steins.

„Ich verspüre Durst und ein Stück tiefer in der Höhle gibt es eine Quelle mit frischem Wasser”, sagte Reginald. „So Ihr nichts dagegen habt, ziehe ich mich zum Trinken zurück, Jungfrau Melissa.”

Leander sah das Einhorn misstrauisch an. „Ich komme besser mit, damit du nicht durch einen Nebenausgang verschwindest, und Melissa den Rest des Wegs zu Fuß gehen muss.”

Melissa lehnte sich gegen den kühlen Fels und schloss die Augen. Ihr Nacken und die Schultern schmerzten von dem Sonnenbrand. Wenigstens hatte das Pochen in ihrem Fuß etwas nachgelassen. Trotzdem zog sie es vor, sich zu schonen. „Ich bleibe hier und ruhe mich ein wenig aus. Ich komme später nach.”

„Ich spinne dir einen Faden. Dann kannst du dich nicht verlaufen.” Leander zog einen Faden aus den Spinndrüsen an seinem Hinterleib und klebte das Ende an einen Felsen.

Melissa nickte dankbar und sah den beiden nach, wie sie in einem Tunnel verschwanden, der groß genug für einen Walfisch gewesen wäre.

***

Mit klopfendem Herzen stand Lysande vor den Türen zum Thronsaal ihres Bruders. Sie war schon sehr lange nicht mehr im Schloss gewesen, aber geändert hatte sich nur wenig. Die vergoldeten Türen sahen etwas abgenutzter aus als zu Lebzeiten ihres Vaters, dafür waren die Treppengeländer und die Fußböden sauberer, ein Zeichen dafür, dass die Dienerschaft gerne für ihren Bruder arbeitete. Gregor scheint ein guter König zu sein. Geduldig wartete sie darauf, dass sie der Zeremonienmeister ankündigte. Endlich war es soweit.

„Die Seherin Seraphina Wohlgemuth”, verkündete er mit lauter Stimme und klopfte mit seinem Stab dreimal auf den Boden.

Lysande trat durch die Tür und schritt den langen Läufer entlang. Zu beiden Seiten standen Kämpfer in vergoldeten Rüstungen und die Wände waren mit Seidenteppichen verhängt. Er hatte schon immer ein Faible für Pomp. Lysande erreichte den Thron ihres Bruders. Sie knickste.

„Sage Sie, was Sie wünscht”, befahl der erste Minister, der neben dem König stand.

Lysande knickste erneut. „Majestät. Verzeiht einer armen Seherin, dass sie Eure kostbare Zeit in Anspruch nimmt. Doch meine Gabe deutete mir, Eure Familie sei in Not. Ein großes Unheil droht Euch und Eurem Königreich, so ihr nichts unternehmt.”

König Gregor

König Gregor

„Kokolores”, sagte der Minister.

Der König winkte ihm zu schweigen. „Warum habe ich bisher noch nichts von dir gehört, Seraphina Wohlgemuth? Ich kenne alle Seherinnen meines Reiches.”

„Ich komme aus dem Reich der Untergehenden Sonne wo König Konstantin regiert.”

„Was wird er wohl sagen, wenn ich ihn nach dir frage?”

Lysande wusste genau, dass Ihr Bruder König Konstantin nicht ausstehen konnte. Sie lächelte und verneigte sich. „Er wird Euch versichern, dass ich des Landes beste Seherin bin.” Die Lüge kam ihr leicht über die Lippen.

Der König strich zufrieden über seinen Spitzbart. „Nun denn, welche Kunde bringt Uns deine Vision?”

Lysande holte tief Luft. Sie hatte auf die Frage gewartet, und diesmal war ihre Antwort keine Lüge. „Euer Königreich und Euer Sohn, Kronprinz Victor, sind in Gefahr, Majestät. Ein Schwarzer Schatten ist in unserer Welt angekommen. Die Kälte seines Hasses eilt ihm voraus.“ Ohne König Gregor zu Wort kommen zu lassen, redete Lysande weiter. „Es ist ein Mensch mit Gefühlen und Kräften so schwarz wie die Nacht. Er oder auch sie, denn es kann auch eine Frau sein, wird nicht nur Euer Königreich fordern. Der Kronprinz wird sein Leben geben, und trotzdem wird die Dunkelheit Einzug halten in alle tausend Königreiche.”

König Gregor kicherte hinter vorgehaltener Hand. „Ich liebe die gestelzte Ausdrucksweise der Seher”, wisperte er seinem Minister zu. Dann wandte er sich an die verkleidete Lysande. „Wie gedenkst du Uns zu beweisen, dass deine Vision wahr ist? Wir wissen doch, dass seit Kaiser Amardant dem 24-sten die Kraft der magischen Zunft nachgelassen hat.”

Lysande presste die Lippen zusammen, obwohl sie mit einer solchen Aufforderung gerechnet hatte. Sie wäre glücklicher gewesen, wenn Gregor ihr ohne Beweis geglaubt hätte. Aber sie war bereit, ihm ihre Vision zu zeigen, wenn er ihr dafür sein Heer überlassen würde.

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