Teil 19

Lysande and King Gregor

Lysande and King Gregor

„Wenn Majestät mir kurz die Hand reichen würden …”

König Gregor beugte sich vor und hielt ihr die Linke mit der Handfläche nach oben hin, als wäre sie eine Handleserin. Lysande nahm die Hand und öffnete die Erinnerungen an ihre Visionen. Sie entließ sie aus ihrem Geist in den ihres Bruders. Das hatte sie schon als Kind gekonnt. Bewusst wählte sie aus, was er sah. Sie wollte ihn nicht wissen lassen, dass sich der Schrecken hinter dem hübschen Gesicht eines jungen Mädchens verbarg. Sonst würde er sein Heer niemals in Bewegung setzen.

Wellen eines Welten umspannenden Hasses schwappten über Gregor und ihr zusammen. Sie sahen Städte brennen. Schwarz gekleidete Reiter brandschatzten, plünderten und mordeten. Die magischen Wälder waren verkohlt, die Erde knöcheltief mit Ruß bedeckt. Der Tag war selbst zur Mittagsstunde grau und düster, und Kronprinz Victors Helm hing an einem grob zusammengenagelten Holzkreuz auf einem der frischen Gräber vor den Toren der rußgeschwärzten, leblosen Stadt. Ein Zettel mit seinem Namen klatschte im Wind gegen das Holz. Das leise Geräusch ging Lysande durch Mark und Bein.

Gregor schnappte nach Luft und riss seine Hand los. Er war vom Thron gerutscht und kniete nun vor Lysande. Die Hexe drängte die Erinnerungen zurück in den hintersten Winkel ihres Bewusstseins. Sie wischte die Tränen ab und ignorierte die Wachen, die mit gezückten Schwertern neben ihr standen und auf ein Wort ihres Königs warteten.

König Gregor brauchte wesentlich länger, um in die Realität zurück zu finden. Schließlich erhob er sich und setzte sich wieder auf seinen Thron. Mit leichenblassem Gesicht winkte er die Wachen beiseite und sagte mit heiserer Stimme: „Rufen Sie die Armee zusammen, Minister, jeder Soldat auf seinen Posten. Dann trommeln Sie jeden heraus, der auch nur über ein Quäntchen Magie verfügt. Und holt den Kronprinzen!”

Die Tür in der Wand rechts vom Thron sprang auf, und ein Hausdiener stürzte herein. Seine bunte Uniform hing in Fetzen, war schmutzig und stank nach Rauch. Tränen liefen ihm über das Gesicht, und seine gepuderte Perücke hatte er längst verloren.

Lysande hatte in ihrem ganzen Leben noch keinen königlichen Angestellten in so einer Verfassung gesehen. Wenige Schritte vor dem König blieb er stehen und verneigte sich, wie es die Etikette vorsah. Lysande staunte, dass er trotz seiner Aufregung die Form wahrte.

„Verzeiht die Störung, Majestät. Kronprinz Victor wurde soeben von einem Drachen entführt, und der hintere Pferdestall brennt.”

Lysande erstarrte. Die Befehle Gregors, das Rennen und Schreien der Höflinge hörte sie kaum, so laut rauschte das Blut in ihren Ohren.

„Es hat angefangen”, flüsterte sie, aber niemand hörte ihr zu.

***

Während Melissa auf die Rückkehr ihrer beiden Freunde wartete, sah sie sich in der Höhle um. Der Teil in dem sie saß war offensichtlich vom Wasser aus dem Fels gespült worden. Die Höhlendecke war zerfurcht und an feuchteren Stellen wuchsen Stalaktiten und Stalagmiten aufeinander zu.

Der Tunnel, in dem Leander und Reginald verschwunden waren, bestand aus gestampfter Erde und formte ein überraschend gleichmäßiges Oval. Es sieht aus, als hätte dort ein Riesenmaulwurf gegraben. Melissa schüttelte sich bei dem Gedanken, dass es tatsächlich ein solches Tier geben könnte. Was weiß ich schon von dieser Welt. Nach allem, was ich gesehen habe, wären Riesenmaulwürfe keine Überraschung. Plötzlich fiel ihr ein, dass Maulwürfe Insekten und Spinnen fraßen. Was ist, wenn Leander auf so ein Monster trifft? Reginald wird ihm nicht helfen. Ich gehe die beiden besser suchen.

Sie stand auf und humpelte mit klopfendem Herzen auf den Tunnel zu. Ängstlich hielt sie nach dem Erbauer Ausschau, während sie dem silbrig glänzenden Spinnenfaden folgte. Mit jedem Schritt wurde es ein wenig dunkler um sie herum und nach einer Kurve im Tunnel konnte sie die Hand vor Augen nicht mehr erkennen. Sie nahm den Faden in die Hand und tastete sich vorsichtig weiter. Vor jedem Schritt prüfte sie mit dem Fuß den Boden vor sich. Trotzdem hatte sie ständig Angst, über den Rand eines Abgrunds zu treten. Ihr Herz klopfte schneller, und ihr Fuß schmerzte wieder stärker. Die Dunkelheit erschwerte es Melissa zu erkennen, wie weit sie bereits gegangen war. Solange ich Leanders Faden habe, kann mir nichts passieren, dachte sie und ihre Angst legte sich etwas. Ein paar Schritte weiter stolperte sie über einen Felsen. Sie schrie auf. Halt suchend griff sie nach der Wand des Ganges und ließ den Faden los. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Was mache ich nur ohne den Faden? Sie kniete sich hin und tastete auf dem Boden entlang. Ihre Finger glitten über glatte Felsen, lehmige Erde und feine Ritzen im Fels, aber den spinnseidenen Faden berührten sie nicht. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Panik. Wenn ich ihn nicht finde, werde ich ewig herumirren.

Ein Seufzer hallte leise durch die Dunkelheit.

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