Teil 2

Er brauchte lange, bis er seine Gefühle im Griff hatte. Erst als der letzte Krieger auf seinen Platz zurückgekehrt war, zitterten Djarrets Knie nicht mehr. Ceres trat vor und streckte die Arme in die Höhe. Seine Stimme wurde lauter. Begeistert sprangen die Krieger auf.

„Euch Fünf habe ich rufen lassen. Für jeden Finger meiner Hand einen. Ihr seid meine Rechte Hand. Ihr werdet dort erfolgreich sein, wo andere versagten.” Er setzte sich wieder. „Und nun geht und bringt mir Korosadja.”

***

„Melissa, hör auf zu träumen, wir müssen zum Frühstück.” Die schrille Stimme ihrer Tante Freya war Melissa unwillkommen, denn sie vertrieb die fantastische Welt in die sie abgetaucht war.

Melissa on the beach„Kein Hunger”, knurrte sie unwillig. Sie rollte sich auf den Rücken und versuchte weiterzulesen. Das Buch wurde ihr aus der Hand genommen, zugeklappt und auf den weiß lackierten Nachtschrank gelegt.

„Fräulein Taigh! Wenn ich dich zum Essen rufe, legst du das Buch zur Seite und kommst. Benimm dich wenigstens im Urlaub wie ein zivilisierter Mensch.”

Melissa schob die Unterlippe vor und antwortete nicht. Im Schneckentempo stand sie auf. Meckerliese, dachte sie. In meinen Ferien kann ich ja wohl machen, was ich will. Sie starrte an ihrer Tante vorbei durch die weit geöffneten Balkontüren und übersah gezielt das in Weiß und Beige gehaltene Zimmer. Verträumt betrachtete sie das funkelnde Meer und die Wolken, die wie Elfenschleier über dem Wasser hingen. Sie stellte sich vor, die Stimme ihrer Tante wäre das Geschrei der Möwen im Hafen.

„Geh endlich Hände waschen!” Freya packte Melissa an der Schulter und schubste sie zum Badezimmer. Der Träger des Strandkleidchens verrutschte und Freyas harte, pink lackierte Fingernägel hinterließen Kratzer auf Melissas braungebrannter Haut. Freya entschuldigte sich sofort. Melissa tat so als hätte sie nichts gehört. Sie biss die Zähne zusammen und ging zum Händewaschen.

Wenig später fuhren sie mit dem Fahrstuhl zum Restaurant hinunter. Melissa betrachtete interessiert das Muster, das die Füße der Hotelgäste auf dem roten Teppich des Lifts hinterlassen hatten. Sie ignorierte Freyas Versuch den Streit beizulegen.

Aber ihre Tante gab nicht so schnell auf. „Worum geht es in deinem Buch?”

Melissa betrachtete sich und die Tante im Spiegel. Sie war ihr ähnlicher als ihr lieb war: das gleiche karottenrote Haar, eine ähnliche Figur. Aber ich habe einen besseren Geschmack. Melissa strich über das hellgrüne Sommerkleid, das wunderbar mit ihren braunen Augen harmonierte. Freyas rosa Kleid passte nicht zu ihren Haaren. Außerdem schlotterte es etwas. Früher war sie nicht so dürr. Früher habe ich sie auch noch gemocht. Meine Güte ist das lange her. Das war noch vor dem … Nein, daran wollte sie nicht denken. Es reichte schon, dass sie jetzt bei Tante Freya und Onkel Herbert leben musste.

„Wenn du zum Beispiel historische Romane gern magst, kann ich dir welche empfehlen. Da kenne ich mich aus”, sagte Freya.

Melissa schnaufte. Sie fuhr herum und sah ihrer Tante direkt ins Gesicht. „Wenn du es genau wissen willst … ich lese Fantasy. Deine blöde Effi Briest oder die –wie hießen sie noch?– die Buddenbrooks – alles Mumpitz! Langatmige, dämliche Texte. Es reicht, dass wir die in der Schule lesen müssen.”

Melissa hatte Effi Briest und die Buddenbrooks gerne gelesen, aber das würde sie Freya gegenüber nie zugeben. Zu befriedigend war es zu sehen, wie sich Freyas Lippen zu einem schmalen Strich zusammenzogen.

Die Augen ihrer Tante verengten sich, bevor sie antwortete. „Ich finde es gut, wenn ihr wenigstens in der Schule ein wenig Literatur lest. Mumpitz sind doch diese Fantasie-Geschichten.”

Da der Lift gerade anhielt, wandte sich Melissa demonstrativ von ihrer Tante ab und eilte durch die Lobby zum Restaurant. So brauchte sie Freya nicht länger zuzuhören. Sie ließ die Glastüren hinter sich zuschwingen, ohne auf ihre Tante zu warten.

Das Restaurant war hell und freundlich und mit viel frischem Grün geschmückt. Die große Fensterfront gab den Blick frei auf die Strandpromenade. Dahinter lag, wie ein Streifen aus Diamanten, die Ostsee. Wie immer lud ein langes und gut bestücktes Buffet zum Schlemmen ein. Melissa sah sich nach ihrem Onkel Herbert um und entdeckte seinen weißen Haarschopf an einem der schlichten Tische. Mit großen Schritten ging sie auf ihn zu. Als er aufstand, wirkte er auf den ersten Blick wie der böse Zauberer eines Märchens in Hawaiihemd und kurzer Hose. Aber seine Augen funkelten fröhlich und sein Lächeln war echt. Melissa mochte Herbert lieber als Freya. Hinter sich hörte sie die Schritte ihrer Tante. Sie beeilte sich, um vor ihr am Tisch anzukommen.

„Ah! Das sind ja meine beiden Schönen.” Herbert küsste Freya auf die Wange und umarmte Melissa kurz. Sein langer, weißer Bart kitzelte Melissa an der Wange. Höflich rückte er seiner Frau und seiner Nichte die Stühle zurecht, dann setzte er sich selbst. Mit einem stolzen Lächeln griff er in die Tasche seines Hemdes und zog etwas heraus.

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2 responses to this post.

  1. Posted by marion on März 10, 2010 at 9:58 am

    „…wie der böse Zauberer eines Märchens in Hawaiihemd und kurzer Hose“ – klasse. 🙂

    Antwort

  2. Posted by Annette on März 16, 2010 at 12:06 am

    Das sieht ja schon mal nett aus! In unserem Haushalt ist ja niemand in der entsprechenden Altersgruppe, aber ich kann mir denken, dass es älteren Kindern gefallen wird.

    Antwort

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