Teil 20

Melissa hielt die Luft an und kauerte sich so klein wie möglich zusammen. Ist das der Maulwurf oder was auch immer? Wird er von einer Spinne überhaupt satt? Wieder hallte ein Seufzer durch den Tunnel, diesmal ein wenig lauter. Melissa glaubte, Reginalds genervtes Schnauben zu erkennen. Sie war so erleichtert, dass ihr ein paar Tränen über die Wangen liefen.

Melissa im Dunkeln

Melissa im Dunkeln

„Reginald! Leander! Hier bin ich“, rief sie. Sie stand auf und tastete sich so gut es ging an der Wand entlang in die Richtung, aus der das Seufzen gekommen war. Nach wenigen Schritten griffen ihre Finger ins Leere. Ein Gang zweigte von dem breiten Tunnel ab. Tastend erkundete Melissa den Abzweig. Er war gerade groß genug, dass sie aufrecht darin stehen konnte. Die Wände fühlten sich felsig an und es gab mehrere Spalten im Gestein.

Ob die beiden dort abgebogen sind? Ein Riesentier ist hier jedenfalls nicht durch gekommen. Ihre Finger streiften etwas Feines, Seidiges. Da ist ja Leanders Faden. Sie fasste nach, aber ihre Finger griffen ins Leere. Noch einmal betastete sie den Boden. Erfolglos.

Wieder seufzte jemand in der Dunkelheit. Es hallte direkt aus dem Seitengang vor dem sie hockte. Sie war sich sicher, dass ihre Freunde hier abgebogen waren. Wenn ich dem Geräusch folge, finde ich sie. Dann helfen sie mir hier raus. Sie berührte mit den Händen die Wände beiderseits des Ganges und tastete sich vorsichtig Schritt um Schritt weiter. Vergeblich hoffte sie, Leanders Faden zu spüren. Stattdessen hörte sie das Einhorn immer öfter seufzen.

„Nun stell dich mal nicht so an, Reginald”, murmelte sie, während sie vorsichtig tastend dem Gang folgte. Da kein Lichtstrahl die Dunkelheit durchbrach, kam sie nur langsam voran. Mit den Händen hielt sie den Kontakt zu den Wänden, und mit dem gesunden Fuß testete sie den Boden vor jedem Schritt. Nach einer Zeit, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, trat sie ins Leere. Sie zog den Fuß zurück, kniete sich hin und tastete mit den Händen. Sie hatte das Ende des Ganges erreicht. Vor ihr fiel der Fels senkrecht ab. Sie lauschte. Weit unten hörte sie das sanfte An- und Abschwellen des Windes. Stand sie am Rand einer großen Höhle? Schließlich kam sie zu dem Schluss, dass Reginald und Leander einen anderen Weg gegangen sein mussten. Schließlich konnte das Einhorn weder klettern noch fliegen.

Wahrscheinlich habe ich weiter hinten einen Abzweig verpasst. Sie drehte um, um zurück zu krabbeln. Mit dem gesunden Fuß stieß sie gegen etwas Hartes, das scheppernd davon rollte und mit Getöse von dem Sims fiel. Das Echo dröhnte so laut, dass sich Melissa die Ohren zuhalten musste. Ihr Blick suchte den fallenden Gegenstand, aber es war zu dunkel. Sie erstarrte. Zwei tellergroße, bernsteinfarbene Augen leuchteten an der Abbruchkante.

***

Lange Zeit saß Djarret bewegungslos am Ostseestrand und wartete. Als die Sonne ihre ersten Strahlen über die Steilküste auf das Meer warf, kam der Magier zu sich. Ächzend setzte er sich auf und klopfte den Dreck aus seinem Mantel.

Djarret befahl ihm: „Zeig mir, wen der Stein gefunden hat!”

Der Magier seufzte müde, gehorchte aber. Aus den Falten seines weiten Mantels zog er ein paar Flaschen, eine Schale und ein rot blühendes Kraut. Er legte das Kräutlein in die Schale, schüttete etwas Wasser darüber und murmelte einen Spruch. Schließlich fügte er drei Tropfen aus jeder Flasche hinzu und reichte seinem Gebieter die Schale.

Djarret beugte sich vor und sah ins Wasser. Zuerst wirbelte nur Helligkeit auf dem Wasser, aber bald kristallisierte sich ein Bild heraus. Er sah ein schlankes, junges Mädchen, wenig mehr als fünfzehn Sommer alt. Ihr rotes Haar glänzte in der untergehenden Sonne wie Kupfer. Sie hielt Korosadja in der rechten und ein Buch in der linken Hand. Dann steckte sie den Stein in die Tasche ihres Kleides und verschwand. Das Buch blieb zurück.

„Wohin hat sie der Stein gebracht?”

Der Magier hielt die Hand über die Schale und murmelte erneut ein paar Worte. Das Bild trübte sich. Als es wieder aufklarte, zeigte er eine Welt, die zum größten Teil grün war. Djarret erkannte sie sofort. Er lachte. „Greenwitch, die Welt der Tausend Königreiche. Na, das wird eine leichte Jagd. Gibt es dort überhaupt noch Magie?”

Der Magier zuckte mit den Schultern.

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