Teil 21

Bevor er antwortete goss er die Schale aus, trocknete sie am Saum seines Mantels ab und verstaute sie mit den Flaschen und dem Rest des roten Krauts in seiner Tasche. „Magie gibt es reichlich, aber nur wenige Hexen wissen sie zu nutzen.”

„Dumm von ihnen. Sobald ich Korosadja habe, bringen wir dem Pöbel Disziplin bei. Dafür brauche ich nicht einmal Ceres Armee.” Djarret stand auf und winkte seinen Männern. „Wir brechen auf”, befahl er und zog den Magier hoch.

In diesem Moment trat die Wache an ihn heran. Zwischen sich schleiften sie den regungslosen Körper einer Frau.

Djarret zog die linke Augenbraue in die Höhe.

„Herr, sie ist über uns gestolpert“, sagte eine der Wachen. „Wir konnten sie gerade noch ausschalten, bevor sie uns bemerkt hat. Sollen wir sie töten?”

Djarret wollte schon zustimmen, da bemerkte er, dass der Magier etwas sagen wollte.

„Was ist?” Er runzelte die Stirn.

Der Magier streckte sich und strich seinen Mantel glatt, bevor er antwortete. Djarret hasste diese zeitraubenden Gesten, ertrug sie aber zähneknirschend. Er hatte keine andere Wahl. Wenigstens hielt ihn der Magier diesmal nicht mit unwichtigem Geplauder auf.

„Sie ist mit der Trägerin des Korosadja verwandt. Es ist ihre Tante.”

Djarret grinste und seine Zähne glänzten wie das Gebiss eines Wolfes. Verwandte von Leuten, die er jagte, konnte er immer brauchen.

„Worauf wartest du, Magier. Verwandle sie in etwas, was sich leichter mitnehmen lässt als eine Frau. Ein Dolch wäre praktisch.”

„Ich kann kein lebendes Wesen in kalten Stahl verwandeln.”

Freya als Haselmaus

Freya als Haselmaus

„Dann mach was anderes aus ihr, aber schnell.”

Der Magier legte seine Linke auf den Arm der bewusstlosen Freya und murmelte. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Oberlippe. Freya begann zu schrumpfen, wurde kleiner und kleiner. Fell begann zu sprießen, ihre Ohren wurden größer, Nase und Kinn vereinigten sich zu einer Schnauze und die Finger krümmten sich zu Krallen. Nach wenigen Minuten war aus Freya ein Siebenschläfer geworden. Den langen Schwanz über die kurze Schnauze gelegt, schlief das kleine Wesen friedlich auf der Handfläche des Magiers.

Djarret steckte das Tier in die lederne Geldbörse an seinem Gürtel. „Du bist dafür verantwortlich, dass sie nicht erwacht.”

Der Magier nickte, die Ringe unter seinen Augen dunkler als sonst.

Djarret rief: „In Formation … und marsch!” Seine Männer stellten sich in Zweierreihen auf und die beiden Wachen reihten sich ein. Der Magier öffnete das Portal, das sie erneut zwischen die Welten führte. Djarret wusste, dass ihm seine Beute nicht entkommen konnte.

***

Wie versteinert hockte Melissa in dem Tunnel und starrte die tellergroßen Augen an, die ihr aus der Dunkelheit entgegen leuchteten. Als ihr klar wurde, wie groß der dazugehörige Kopf sein musste, blieb ihr fast das Herz stehen. In der Hoffnung, dass das Tier im Dunkeln ebenso schlecht sah, wie sie, kroch sie vorsichtig rückwärts. Doch da war kein Gang mehr. Ihre Hände stießen nur gegen eine kratzige, warme Oberfläche.

„Wo willst du hin? Bist du ein Dieb?” Die Bassstimme klang nicht unfreundlich.

Trotzdem konnte Melissa nicht antworten. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Gegenüber schien sie offensichtlich bestens zu sehen, denn es sagte: „Wenn du kein Dieb bist, brauchst du nicht zu fliehen. Ich wüsste trotzdem gern, warum du einen meiner schönsten Goldkelche durch die Höhle wirfst.”

Endlich fand Melissa ihre Sprache wieder. Ihre Stimme klang dünn und rau. „Ich bin mit dem Fuß dagegen gestoßen.“

„Oh! Und was machst du in meinem Lüftungsschacht?“

Etwas mutiger geworden, sprach Melissa lauter. „Ich habe jemanden seufzen hören.”

„Du willst mir helfen? Wie interessant. Bist du eine Medica?”

Melissa schüttelte den Kopf.

„Du siehst auch nicht aus wie jemand, der sich mit Heilkräutern auskennt. Aber du riechst nach Magie. Bist du eine Druida?”

„Nein.”

„Eine Magica?”

„Nein.”

Ein warmer Wind wirbelte durch Melissas Haare. Es roch wie der Mundgeruch eines großen Hundes. Melissa erkannte, dass das Wesen erneut geseufzt haben musste.

„Bist du wohlmöglich gar eine Hexe?”, fragte es und die Hoffnung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Melissas Stimme zitterte bei der Antwort. „Nein!”

„Wie willst du mir dann helfen? Ich glaube, du bist höchstens als Frühstück zu gebrauchen.” Die warme Wand schloss sich um ihre Brust und ihren Bauch. Dass es eine riesige Pfote war, begriff Melissa erst, als sie hochgehoben wurde. Sie schrie.

„Dass ihr Menschlein immer so laut sein müsst”, beklagte sich die Stimme. „Abendessen! Schür das Feuer und leg ordentlich Holz nach!”

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