Teil 22

Weit unter Melissa blühte ein Feuer auf, das wenig später eine riesige Höhle erhellte. Endlich konnte sie sehen, dass sie von der Pfote eines Drachen gehalten wurde. Für einen Moment vergaß sie ihre Angst. Der Drache war atemberaubend schön. Seine grünen und blauen Schuppen funkelten im Licht des Feuers wie Edelsteine, und seine goldenen Augen wirkten eher traurig als wütend. Doch da die Zähne des Drachen so lang wie ihre Finger waren, zitterte Melissa trotz aller Schönheit vor Angst. Der Drache setzte sie vor dem Feuer ab und betrachtete sie nachdenklich. Er legte seinen schuppigen Körper rund um das Feuer, bis die Schwanzspitze sein Kinn berührte. Er schloss die Augen und seufzte erneut.

Melissa entspannte sich etwas. Offensichtlich sollte sie nicht gleich gefressen werden. Sie beglückwünschte sich im Stillen, dass sie nichts von ihren Freunden gesagt hatte. Vielleicht können sie Hilfe holen und mich irgendwie retten. Sie sah sich um. Überall lagen Gegenstände aus Gold: Kelche, Ketten, Ringe und vieles mehr. Wenn sie den Schmerz in ihrem Fuß ignorierte und sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie hinter dem Drachen einen ganzen Berg goldener Sachen erkennen. Sie fragte: „Haben Sie wegen des Goldes Sorgen?”

Der Drache schnaubte. „Lass mich in Ruhe. Wenn du unbedingt reden musst, sprich mit dem Abendessen.”

Melissa drehte sich um und entdeckte auf der andern Seite des Feuers ein Mädchen in einem fliederfarbenen Seidenkleid. Es saß zusammengekauert am Boden und hatte das Gesicht in den Armen vergraben.

Melissa humpelte um das Feuer herum und hockte sich neben das Mädchen. „Hallo, ich bin Melissa. Und du?” Im Flüsterton fügte sie hinzu: „Kopf hoch! Solange er uns noch nicht gefressen hat, haben wir eine Chance zu fliehen.”

„Ich bin Kronprinz Victor von Engelstal.” Das vermeintliche Mädchen hob den Kopf.

Kronprinz Victor

Kronprinz Victor

Melissa prallte zurück. Mittelblonde, kurz geschnittene Haare umrahmten ein Gesicht, das noch nicht rasiert wurde. Doch der vorstehende Adamsapfel ließ keinen Zweifel. Es war eindeutig ein Junge.

„Lach mich ruhig aus. Das macht jetzt auch nichts mehr.” Prinz Victor schloss seine braunen Augen und legte den Kopf zurück auf die Arme. „Bald ist Abend, dann bin ich dran.”

„Was läufst du auch als Prinzessin rum?” Der Drache knurrte.

Melissa nickte. „Das interessiert mich auch.”

Prinz Victor zögerte. Er hob den Kopf und sah Melissa genauer an. Schließlich zuckte er mit den Schultern und sagte: „Ich habe morgen Geburtstag. Mein Vater gibt einen Maskenball bei dem alle Frauen als Männer und alle Männer als Frauen kommen sollen. Er hält das für lustig. Ich habe gerade mein Kostüm ausprobiert, als mich dieses Untier packte.”

„Ich bin kein Untier, ich bin ein Drache! Und woher sollte ich wissen, dass du keine Prinzessin bist? Kann ich etwa hellsehen?” Der Drache hob den Kopf und starrte die Menschen über das Feuer hinweg böse an.

Melissa lächelte so tapfer sie konnte, obwohl dabei ihre Gesichtsmuskeln verkrampften. „Also handelt es sich um eine Verwechslung. Könntest du den Prinzen nicht einfach gehen lassen?”

„Damit er mit Menschlein in Dosen wiederkommt? Nein danke.”

„Menschen in Dosen?” Melissa war verwirrt.

„Sie kommen auf Pferden und mit extra großen Zahnstochern, um mir wehzutun. Das sind hartnäckige Biester und verdammt schwer zu töten. Schmecken tun sie auch nicht.”

„Er meint Ritter”, sagten Melissa und der Prinz gleichzeitig.

Der Prinz stand auf und hob die Hand. „Ich schwöre bei meiner Ehre als Thronfolger von Engelstal, dass ich unter keinen Umständen und zu keiner Zeit mit Rittern hierher zurückkehren werde.”

Der Drache schnaubte. „Wer’s glaubt.”

„Ein Kronprinz wird sein Ehrenwort nicht brechen, sonst wird er als König nicht geachtet“, sagte Prinz Victor.

Melissa stand auf und humpelte um das Feuer herum zu dem Drachen. „Was wollten Sie überhaupt mit einer Prinzessin?”

„Ich habe Hunger. Entsetzlichen Hunger. Ich habe schon einen ganzen Monat nichts mehr gegessen.”

Melissa schluckte nervös. „Wenn Sie am liebsten Prinzessinnen fressen, werden wir Ihnen nicht schmecken. Sie sollten etwas anderes versuchen.”

„Das hab ich doch. Ich habe Felder verwüstet, Wälder abgebrannt und Schafe gestohlen. Schafe sind widerlich! Immer hat man Wolle zwischen den Zähnen.“ Der Drache schüttelte sein schuppiges Haupt bei der Erinnerung. „Zunächst hat es ganz gut funktioniert. Die Menschen haben mich versorgt, so gut sie konnten. Es war nicht gerade lecker, aber ich musste keinen Hunger leiden.”

„Was ist schief gegangen?”

„Es kamen Menschen in Dosen, manchmal sogar mehrere an einem Tag. Bald waren es so viele, dass ich mir eine neue Höhle suchen musste. Hier gibt es keine … wie nennt ihr die Dosenmenschen noch gleich … ach ja … Ritter.“ Der Drache seufzte schon wieder und legte sein Haupt auf den Boden. „Aber es gibt auch keine anderen Menschen. Es gibt nur mich und die Berge. Deshalb habe ich Hunger.”

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