Teil 23

„Wenn Sie Prinzessinnen nicht fressen, wozu brauchen Sie sie dann?”, fragte Melissa.

„Ich dachte, so könnte ich die Leute dazu bringen herzukommen. Eine Prinzessin würden sie ja wohl suchen, oder?”

„Anzunehmen”, sagte Prinz Victor.

„Wenn sie hier sind könnte ich ihnen sagen, dass ich ihnen gerne alles verwüste, was sie wollen, wenn sie mich nur wieder füttern. Ich fresse sogar Schafe, wenn es sein muss.”

Drache

Drache

Melissa konnte kaum glauben, was sie gehört hatte. Ihre Gedanken flatterten durcheinander wie eine Schar aufgeregter Hühner, bis sie einen Hoffnungsschimmer entdeckte. Vielleicht kann ich den Drachen doch überreden, mich nicht zu fressen.

Sie räusperte sich. „Glauben Sie wirklich, dass Sie den Menschen einen Gefallen tun, wenn Sie alles verwüsten?”

„Warum sollten Sie mir sonst Gold und Essen bringen?”

Prinz Victor sprang auf und schrie: „Sie haben Angst vor dir, du gefräßiges Monster. Sie geben dir ihr letztes Hemd, damit du mit den Verwüstungen aufhörst.”

„Heißt das, sie mögen mich gar nicht?” Der Kopf des Drachen schoss in die Höhe. Er starrte Prinz Victor mit weit aufgerissenen Augen an, und seine Stimme zitterte etwas.

Er tat Melissa leid, dem Prinzen aber offensichtlich nicht. „Was meinst du, wer die Ritter dafür bezahlt hat, dass sie versuchen, dich zu töten. Nur zu schade, dass es keiner geschafft hat.”

Der Drache starrte Prinz Victor an. Eine Träne kullerte über seine rissige Haut. Seine Unterlippe zitterte und er schniefte. „Und wie kriege ich die Menschen ohne Verwüstungen dazu, mir etwas zu Essen zu bringen? Ich kann doch nichts anderes.”

„Uns wird schon etwas einfallen.” Melissa streckte die Hand aus und streichelte das smaragdfarbene Schuppenkleid, soweit sie es erreichen konnte.

„Das ist schön”, flüsterte der Drache und schloss die Augen. Während Melissa nach einer Lösung suchte, streichelte sie den Drachen. Er schnurrte wie eine übergroße Katze. Mit einem Mal spürte sie ihren eigenen Hunger. Ich kann ihn gut verstehen. Ich hätte jetzt auch gerne was zu essen. Da erinnerte sie sich an die Früchte die Leander ihr vor ihrem Einhornritt gebracht hatte. Zögernd tastete sie nach dem behelfsmäßigen Beutel an ihrem Gürtel. Er war noch da. Sie nahm die Früchte heraus und reichte eine Prinz Victor.

Er lehnte dankend ab. „Ich habe keinen Appetit.“

Melissa biss in eine Frucht. Mit der freien Hand streichelte sie weiter den schnurrenden Drachen. Als sie die letzte Frucht gegessen hatte, sagte sie zu ihm: „Fleisch könnten Sie sich jederzeit kaufen. Es wäre ganz einfach. Allerdings müssten Sie auf Menschenfleisch verzichten.”

Der Drache öffnete ein Auge und sah sie an. „Ich kann auf jede Art von Fleisch verzichten. Ich täte alles für einen Sack Feldsalat mit Joghurtdressing oder einen Steckrübeneintopf mit Sahne und einen Eimer Milch.”

Melissa vergaß vor Überraschung, weiter zu streicheln. Sie glaubte, sich verhört zu haben. „Feldsalat? Steckrüben? Milch?”

„Aus gesundheitlichen Gründen esse ich hin und wieder ein paar Hühner oder mal ein Schaf, wenn vorher die Wolle abgemacht wurde. Aber wirklich begeistert bin ich davon nicht.”

Melissas Lippen zuckten. Verzweifelt kämpfte sie gegen das aufsteigende Lachen. Vergeblich. Sie lachte aus tiefstem Herzen. Sie lachte und lachte. „Ein vegetarischer Drache”, japste sie. „Und niemand hat es gemerkt.” Sie lachte, bis ihr der Bauch schmerzte.

Der Drache sah sie mit schief gelegtem Kopf an und fletschte die Zähne. „Ich weiß nicht, was daran so lustig ist. Ich bin noch immer sehr, sehr hungrig.”

Melissa wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Entschuldige. Bei der Menge Gold, die hier liegt, kannst du alles Obst und Gemüse kaufen was dein Herz begehrt. Die Kaufleute werden dir ganze Wagenladungen Salat bringen, wenn du sie bezahlst.”

„Aber das Gold ist mein Bett.”

Prinz Victor trat neben Melissa. „Bring mich zu meinem Vater zurück und du bekommst ein ganzes Jahr lang Obst und Gemüse, so viel du willst.”

„Ein Jahr ist nicht besonders lang, wenn man bedenkt, dass ich noch mindestens vierhundert vor mir habe.”

„Ein Jahr Essen nach Wunsch ist besser als zwei Menschen, die dir nicht mal schmecken”, sagte Melissa.

Der Drache streckte sich. Seine Krallen klackerten auf dem Felsboden der Höhle. „Also gut. Ich bringe euch zurück zum Schloss. Aber wenn ihr mich angelogen habt, verwüste ich das ganze Königreich. Los klettert auf meinen Rücken.”

Melissa streckte abwehrend die Hände aus. „Ich kann nicht mit.” Sie dachte an Leander und Reginald. Wie sollte sie sie wiederfinden, wenn sie in eine meilenweit entfernte Stadt verschleppt wurde.

Der Drache knurrte. „Es war deine Idee, und deshalb kommst du mit, ob es dir gefällt oder nicht.” Er packte sie und setzte sie zwischen zwei Hornkämme in seinem Nacken.

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