Teil 24

Der Drache im Flug

Der Drache im Flug

Melissa ärgerte sich einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. Es hat keinen Sinn, sich mit jemandem zu streiten, der so viel stärker ist als ich. Sie klammerte sich an einem Hornkamm fest, um nicht herunter zu fallen. Wenig später saß Prinz Victor hinter ihr, und der Drache kroch durch einen großen Tunnel dem Ausgang entgegen. Als die durch eine große Tunnelöffnung fallende Nachmittagssonne vor ihnen den Gang erhellte, entdeckte Melissa Reginald, der erstarrt in einem schmalen Nebengang stand. Sie hoffte sehr, dass Leander noch bei ihm war. Ich muss sie wissen lassen, dass sie auf mich warten sollen. Sie beugte sich vor und rief dem Drachen so laut sie konnte zu: „Versprich, dass du mich wieder hierher zurück bringst.”

„Kein Grund zu schreien. Sobald ich den Prinz los bin und genug zu Essen habe, setze ich dich genau hier wieder ab.”

Melissa war sich sicher, dass ihre Freunde wenigstens die Antwort des Drachen verstanden hatten. Ihr blieb keine Zeit mehr sich umzusehen, denn der Drache beschleunigte. Wie eine Kanonenkugel schoss er aus dem Tunnel. Die Öffnung befand sich in einer Felswand, die steil aus einem Meer grüner Baumwipfeln ragte. Melissa blieb die Luft weg, als sie aus dem Berg ins Leere stürzten. Sie sah die Baumkronen rasend schnell größer werden. Schon konnte sie einzelne Bäume unterscheiden.

„Bitte, lieber Gott, mach dass er fliegt”, betete sie in Gedanken. Knapp über den Wipfeln der Bäume breitete der Drache die Flügel aus und glitt mit atemberaubender Geschwindigkeit über den Wald hinweg gen Westen.

***

Zur selben Zeit hatte die alte Kirsche in Lysandes Garten einen wunderbaren Traum. Seit sie das Grundstück der Hexe betreten hatte, waren ihr nur die Träume geblieben. Sie lächelte im Schlaf. In ihrer Fantasie spielte ein sanfter Frühlingswind mit ihren jungen Blättern. Sie spürte die Energie, mit der das Grün aus ihren Knospen quoll. Der Duft von Nektar und Pollen hing in der Luft. Bienen umschwirrten ihre Krone. Kraftvoll stiegen Säfte aus den Wurzeln empor zur Krone, und sie spürte den Wind über die verkrüppelten Äste und die neuen Blätter streicheln. Er flüsterte ihr Trost zu. Einen Traum lang verdrängte Freude den Schmerz.

***

Ein paar Stunden früher war in Engelstal nach einem langen Vormittag die Suche nach Kronprinz Victor abgebrochen worden. Sie hatte keine brauchbaren Spuren ergeben. Bleich wie der Tod war König Gregor durch die Gänge geeilt und hatte darauf bestanden, dass Lysande ihn begleitete. Erst jetzt ließ er ihr ein Zimmer zuweisen.

„Legt Euch hin oder was immer Ihr tut, um Visionen zu bekommen und sucht meinen Sohn“, sagte er. „Ich befehle es euch!“

Lysande widersprach nicht. Sie kannte ihren Bruder gut genug, um zu wissen, dass es keinen Sinn hatte, ihm magische Vorgänge erklären zu wollen. Als ob man Visionen erzwingen kann. Gregor hat nie verstanden, wie die Kräfte der Begabten wirken. Er kann von Glück reden, dass ich keine einfache Seherin bin. Lysande ging in ihr zugewiesenes Zimmer. Es war klein und schlicht. Die weißgetünchten Wände waren kahl. Vor dem großen Kamin, in dem ein lustiges Feuer flackerte, lag ein Teppich in Rot, Grün und Gold, den Farben des Königshauses von Engelstal. Auf einem breiten Bett mit weichen Decken und Fellen stand ihre Reisetasche. Sie holte die Kristallkugel heraus und konzentrierte sich. Die Kugel begann, von innen heraus zu leuchten. Lysande schickte ihren Geist auf die Suche nach Victor. Die Kugel verstärkte und bündelte ihre Kräfte und zeigte der Hexe, was ihren Augen verborgen blieb. Sie nutzte die Blutsbande und schickte ihren Geist in den ihres Neffen. Die Kristallkugel wurde schlagartig schwarz. Lysande erschrak.

„Wahrscheinlich schläft er nur”, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie atmete ein paar Mal tief durch. Dann befahl sie ihrem Neffen, die Augen zu öffnen. Die Kristallkugel blieb dunkel. Lysande wusste, was das bedeutete. Da Victor nichts sehen konnte, musste er tot sein. Schmerz zerriss ihr Herz.

„Er kann nicht tot sein. Er darf nicht tot sein.“ Unfähig sitzen zu bleiben ging sie zum Fenster und lehnte das Gesicht gegen eine der Säulen, die es umrahmten. Die Kälte der Steine half gegen das heiße Brennen ihrer Wangen, nicht aber gegen den Schmerz in ihrem Herzen. Sie liebte ihren Neffen. Seit sie fort gegangen war, hatte sie ihn oft mit ihrer Kristallkugel beobachtet. Einige Male hatte sie ihn im Wald verfolgt, wenn er auf der Jagd war. Er hatte sie nie bemerkt.

Stundenlang stand Lysande am Fenster, doch sie sah nichts, spürte weder Hunger noch Durst. Nicht einmal der farbenprächtige Sonnenuntergang besänftigte ihre Trauer.

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