Teil 25

Lysandes Erinnerung an ihren Neffen verdrängte die Gegenwart. Schließlich kam ihr ein Gedanke. Ich kann nicht glauben, dass er das Opfer eines Drachen geworden sein soll. Er hätte sich gewehrt. Sie wusste, wie gut Victor mit Waffen umgehen konnte. Wenigstens ein paar Spritzer Drachenblut hätten wir finden müssen. Ein Verräter muss ihn im Namen des Schwarzen Schattens entführt oder sogar getötet haben. Aber ich brauche Beweise. Sie wischte sich über die Augen und setzte sich wieder an ihre Kristallkugel. Es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren, aber schließlich leuchtete die Kugel.

Leicht verzerrt erschienen das Schloss ihres Bruders und die Ländereien darum herum. Da sie den Schwarzen Schatten vom Meer her erwartete, wendete sich Lysande in Gedanken gen Sonnenaufgang. Das Bild reagierte und zeigte ihr nun die Gegend östlich vom Schloss. Langsam bewegte sie das Bild immer weiter nach Osten. Sie betrachtete alles genau, was ihr irgendwie verdächtig vorkam, doch sie fand nichts. Mit zunehmender Dunkelheit wurde es schwerer etwas zu erkennen. Lysande konzentrierte sich, bis das Blut in ihren Ohren dröhnte. In ihren Schläfen pulsierte der Schmerz. Schließlich gestand sie sich ein, dass sie eine Pause brauchte. In diesem Moment entdeckte sie am östlichen Rand des Königreichs einen Schatten über dem Einhornwald. Sie verdrängte den Kopfschmerz und bewegte das Bild auf den Wald zu.

Da ist tatsächlich ein Drache. Es sieht so aus, als flöge er hierher. Warum sollte er das tun? Sie bewegte das Bild weiter auf den Drachen zu. Etwas Kleines schien auf seinem Rücken zu sitzen, aber wegen der Dunkelheit war es nicht gut zu erkennen. Sie zwang sich, den immer stärker werdenden Kopfschmerz zu ignorieren und bewegte das Bild in der Kristallkugel noch dichter an den Drachen heran. Ein menschlicher Arm deutete in ihre Richtung, und ein rothaariges Mädchen sah Lysande aus großen Augen an, als könne sie sie sehen.

Der Schwarze Schatten! Lysande prallte entsetzt zurück. Sofort verdunkelte sich die Kristallkugel. Jetzt hat sie einen Drachen. Oh Mutter aller magischen Welten, wie konnte das passieren? Und sie sind schon so nah. Sie können in wenigen Stunden hier sein. Ich muss etwas tun!

Lysande öffnete das Fenster weit und starrte in die mondlose Nacht. Zahllose Sterne funkelten am Himmel, nur selten von vorbeiziehenden Wolken verdeckt.

Das wird sich gleich ändern. Sie streckte die Hände aus, sang und summte und wiegte sich im stärker werdenden Wind. Blaue Blitze schossen aus ihren Fingerspitzen. Die Wolken wuchsen und breiteten sich am Firmament rasant aus. Schließlich gab sie den Wind frei und rief: „Feg den Schwarzen Schatten und seinen Drachen hinweg. Zerbrich ihre Knochen in den Kronen des Einhornwalds.”

Aufheulend schoss der Wind davon, steigerte sich zum Orkan und riss die Wolken mit sich nach Osten, immer weiter nach Osten. Lysande schwankte. Sie fühlte sich leer. Ihr Kopf schmerzte als wäre er als Amboss benutzt worden. Sie wendete sich dem Bett zu, das einladend weich auf sie wartete, doch sie brach zusammen, bevor sie es erreichte.

***

Die alte Kirsche in Lysandes Garten wiegte ihre verkrüppelten Äste im stärker werdenden Wind. Der Sturm trug die Stimmen ihrer Freunde und Verwandten mit sich.
„Komm in den Wald zurück.”
„Bei uns bist du sicher.”
„Komm heim.”
Die Kirsche hörte das Rufen, doch ihre Kraft reichte nicht für eine Antwort.

***

Melissa fühlte sich wie in einem Flugzeug mit unbequemen Sitzen, ohne Dach, ohne Sicherheitsgute und ohne Bordservice. Sie kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit. Schnell merkte sie, dass es ihr besser ging, wenn sie nicht nach unten sah. Sie betrachtete den Sonnenuntergang, der den Himmel in rote, rosa und violette Farben tauchte und die Wipfel des riesigen Urwaldes unter ihnen zu Silhouetten werden ließ. Bald flackerten die ersten Sterne am Firmament, und der Boden verschmolz mit der Nacht. Melissas Übelkeit klang ab, da sie nicht mehr sehen konnte, wie schnell die Erde unter ihnen vorbeizog. Vergeblich hielt sie nach Lichtern menschlicher Siedlungen Ausschau. Diese Welt hat anscheinend nur sehr wenige menschliche Bewohner. Sie blickte zum Horizont, in der Hoffnung, ihr Ziel bereits erkennen zu können.

Lysandes Augen im Himmel

Lysandes Augen im Himmel


Zwei riesige Augen sahen sie an. Sie hingen im Himmel wie auf durchsichtiges Papier gemalt. Ohne Gesicht wirkten sie unheimlich und bedrohlich. Melissa bekam eine Gänsehaut. Sie starrte zurück und streckte eine zitternde Hand danach aus. Sie spürte, wie sich die haare auf ihren Armen aufrichteten. Ihr Herz hämmerte wie eine Dampframme und ihre Knie fühlten sich an, als seien sie aus Wackelpudding. Wäre sie nicht zwischen den Hornkämmen des Drachen fest eingekeilt gewesen, wäre sie herabgestürzt. Sie zitterte noch, als die Augen abrupt verschwanden.

„Was ist”, fragte Prinz Victor. „Ist dir kalt?”

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