Teil 26

Melissa überlegte, was sie sagen sollte. Schließlich wollte sie sich nicht blamieren. In einer Welt mit Riesenspinnen, Drachen und Einhörnern könnte es völlig normal sein, von halb durchsichtigen Riesenaugen betrachtet zu werden. Andererseits war es auch möglich, dass die anderen die Augen gar nicht gesehen hatten. Melissa versuchte es diplomatisch. „Ich glaube, jemand beobachtet uns”, brüllte sie gegen den Wind.

Der Drache sah hin und her, blickte nach unten und schnaubte schließlich. Seine Stimme dröhnte so laut, dass Melissa keine Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

„Ich sehe nichts. Wahrscheinlich hast du dir das eingebildet. Menschenaugen sind nun mal nicht so gut wie Drachenaugen.”

„Wer sagt das?” Prinz Victor wirkte gereizt. Er beugte sich ein wenig zur Seite, um an Melissa vorbei zu sehen. „Ich sehe am Bach da unten einen Bären und auf der Lichtung weiter hinten eine Herde Ponys.”

Melissa sah ebenfalls nach unten, konnte aber nicht einmal einen Bach oder eine Lichtung erkennen. Es war alles duster.

Der Drache konnte offensichtlich dasselbe sehen, wie der Prinz, denn er korrigierte ihn. „Das sind keine Ponys sondern Einhörner. Weibliche Einhörner, um genau zu sein. Ich muss zugeben, für einen Menschen sind deine Augen gar nicht schlecht.” Die beiden begannen, sich über das Sehvermögen verschiedener Lebewesen zu unterhalten.

Melissa hörte dem Geplänkel nicht länger zu. Anscheinend habe ich die merkwürdigen Augen als einzige gesehen. Was hat das nur zu bedeuten? Der Fahrtwind blies durch ihr leichtes Strandkleid und sie dünne Jacke und strich mit kühlen Fingern über ihre Haut. Sie fröstelte.

Prinz Victor nahm seinen warmen Mantel ab und legte ihn über ihre Schultern. „Hier, den habe ich in der Drachenhöhle gefunden. Er ist ein klein wenig angesengt. Ich glaube kaum, dass ihn sein Vorbesitzer vermissen wird.”

„Hey”, donnerte der Drache. „Unterstell mir nichts. Außer euch war noch kein einziger Mensch in meiner Höhle. Der Fetzen war schon da, als ich einzog.”

Melissa zögerte. „Wird dir nicht kalt werden?“, fragte sie den Prinzen.

Victor schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Sorgen. Ich friere nicht so schnell, und wir sind bald da.“

Dankbar knöpfte Melissa den Mantel zu, denn der kalte Wind wurde stärker.

Eine Bö packte den Drachen und warf ihn mehrere Meter nach rechts. „Holla! Jetzt wird’s ungemütlich.” Er schlug mit den Flügeln, um an Höhe zu gewinnen. Melissa umklammerte den Hornkamm vor sich so fest sie konnte, denn der Wind wurde immer stärker. Eine Bö nach der anderen packte den Drachen und warf ihn hin und her, rauf und runter. Manchmal waren die Baumwipfel so nah, dass Blätter gegen ihre Füße peitschten. Dann schrumpften sie zusammen, bis sie mit Dunkelheit und Regen verschmolzen. Melissa schloss die Augen und kämpfte erneut gegen den Brechreiz. Sie fühlte sich wie in einer wild gewordenen Achterbahn.

„Haltet euch fest. Ich werde landen.” Die Stimme des Drachen übertönte sogar das Tosen des Sturms. Die Luft drückte auf Melissas Ohren, bis sie es vor Schmerzen kaum noch aushielt. Sie hatte keine Ahnung, wie weit es noch bis zum Erdboden war, aber sie hoffte inständig, dass der Drache sie heil dort absetzen würde. Abrupt war es still um sie herum. Sie öffnete die Augen gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Drache auf einer Lichtung aufsetzte. Erleichtert rutschte sie von seinem Rücken, stolperte zum Rand der Lichtung und übergab sich in einen Busch. Nicht weit entfernt hörte sie den Prinzen würgen.

Als es ihr besser ging, sah sie sich um. Im Himmel über dem Wald tobte das Inferno. Zahllose Blitze beleuchteten drohende Wolkenberge, die von heftigen Winden übereinander getürmt wurden. Orkanböen schüttelten die Kronen der Bäume abseits der Lichtung, doch um sie herum herrschte Stille.

„Merkwürdig, nicht wahr”, sagte der Prinz. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte nach oben.

Melissa und Victor nach dem Sturm

Melissa und Victor nach dem Sturm

Melissa stellte sich neben ihn und sah ebenfalls in den Himmel. „Es ist, als mache der Sturm einen Bogen um diese Lichtung.“ Einen Moment starrte sie schweigend in das Unwetter. „Es gibt bestimmt eine einfache Erklärung dafür.“

„Magie natürlich!“ Der Prinz sah sie an. „Irgendjemand hat das Unwetter geschickt. Ich schlage vor, dass wir uns beim Drachen unterstellen, nur für den Fall, dass hier eine Hexe auftaucht. Das Biest ist stärker als meine gesamte Leibgarde zusammen und magisch obendrein.”

Melissa nickte und lächelte Prinz Victor an. „Oh, du bist verletzt.“ Sie streckte die Hand nach einer Wunde auf seiner Wange aus.

Prinz Victor wehrte ab. „Kein Grund zur Aufregung. Das ist nur ein Kratzer.“ Er bot ihr galant seinen Arm, und sie griff dankbar danach, denn ihr Fuß schmerzte schon wieder. Gemeinsam schleppten sie sich zum Drachen zurück. Melissa hätte schwören können, dass er schadenfroh grinste.

„Nicht gerade höflich, mich einfach so stehen zu lassen.”

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