Teil 27

„Wenigstens waren wir höflich genug, dir nicht in den Nacken zu spucken”, wies sie ihn zurecht.

Ein Lachen perlte über die Lichtung, wie ein Gebirgsbach über Steine, und wurde zu einer Stimme, die zu dem Lachen passte. „Du musst zugeben, alter Freund, dass das Menschlein schlagfertig ist.”

„Der kleinste Sturm wirft sie um, Emeralda.”

„Ein Sturm ist nicht jedermanns Sache, mein Lieber.”

Erstaunt betrachtete Melissa die grün-braun gefleckte Stute, die neben dem Drachen stand, als wäre sie nie woanders gewesen. Sie war sich sicher, dass das Tier eben noch nicht dort gestanden hatte. Erst jetzt bemerkte sie das Horn auf der Stirn der Stute. „Noch ein Einhorn”, sagte sie.

Die Stute legte den Kopf schief. „So, du kennst uns? Das ist ungewöhnlich. Menschen kommen schon lange nicht mehr in die Wälder der Sprechenden Bäume.”

„Ich hatte die Ehre, ein Stück mit einem Einhornhengst reisen zu dürfen.” Melissa versuchte, so altmodisch zu reden wie Reginald.

Die Stute musterte sie lange. Melissa hatte das Gefühl, sie sähe in den hintersten Winkel ihres Herzens. Schließlich nickte die Stute. „Es ist nicht leicht, dem Zauber eines Einhorns zu widerstehen. Besonders, wenn man so verletzt ist wie du, mein Kind. Du bist erstaunlich.”

Melissa hasste es, Kind genannt zu werden. Um das Thema zu wechseln, stellte sie sich und den Prinzen vor. Die Stute deutete eine Verbeugung an und sagte: „Seid unsere Gäste. Entspannt eure müden Glieder und nennt mich Emeralda.” Sie hob den Kopf und wieherte.

Vom Waldrand erklang eine vielstimmige Antwort. Wenig später waren Melissa, der Prinz und der Drache von einer Herde Einhörner umringt. Während sich die Stuten mit dem Drachen unterhielten, drängelte sich ein weißes Fohlen mit regenbogenfarbener Mähne heran und bombardierte Melissa mit Fragen, ohne auf die Antworten zu warten.

„Darf ich dich mal anstupsen? Bist du wirklich ein Mensch? Was sind das für merkwürdige Dinger, die aus deinen Schultern wachsen? Warum hast du nur zwei Beine? Bist du auch wirklich und ehrlich echt? Findest du mich schön? Mama sagt ich sei eitel. Bin ich eitel?”

Melissa lachte. Der Kleine erinnerte sie so sehr an Reginald, dass sie ohne nachzusehen wusste, dass es ein Hengstfohlen sein musste. Sie streckte die Hand aus, um ihm über die Nüstern zu streichen, erinnerte sich jedoch rechtzeitig an Leanders eindringliche Warnung und zog die Hand wieder zurück. „Du bist wunderschön, und ich glaube, alle Hengste sind ein klein wenig eingebildet, nicht wahr?”

Melissa und das Fohlen

Melissa und das Fohlen

Der Kleine sah Melissa mit strahlenden Augen an. „Singst du mir was? Bitte.”

Melissa zögerte.

Der Drache schien Augen und Ohren überall zu haben, denn er sagte: „Mach ruhig. Es wäre schön, wenn er mal für zehn Minuten den Mund halten würde.”

„Aber ich habe keine Lust, ihn ewig und drei Tage zu streicheln und ihm etwas vorzusingen.”

„Keine Sorge”, sagte Emeralda. „Seine magische Anziehungskraft auf Menschen beginnt erst, wenn er einen eigenen Teich erobert hat.”

Erleichtert setzte sich Melissa auf den Boden und begann zu singen. „Es freit ein wilder Wassermann, auf der Burg wohl über dem See …“ »Die arme Lilofee« war ihr Lieblingslied. Sie hatte es von ihrer Großmutter gelernt. Das Fohlen ließ sich neben ihr nieder und lauschte andächtig. Bald legte es seinen Kopf in ihren Schoß. Melissa streichelte die seidige Mähne und sang ein Lied nach dem anderen. Wieder kribbelte ihr Körper wie am Strand der Roch Kolonie. Ihr wurde bewusst, dass sie das Kribbeln eigentlich die ganze Zeit spürte. Sie hatte es nur bei ihren Abenteuern nicht beachtet. Ich sollte versuchen herauszufinden, was das Kribbeln verursacht, dachte sie und stimmte ein neues Lied an. Sie staunte selbst, wie viele Lieder ihr wieder einfielen, obwohl sie sie jahrelang nicht mehr gesungen hatte. Nach einiger Zeit bemerkte sie, dass sie sich mit jedem Lied besser fühlte. Der Sonnenbrand auf ihren Armen wich einem zarten Braun, die Erschöpfung fiel von ihr ab, und sogar der Schnitt an ihrer Fußsohle schmerzte nicht mehr. Sie fühlte sich so leicht und froh, wie schon lange nicht mehr. Es war als wäre ein warmer Sonnenschein in ihr Herz gefallen, der alle Trauer und Sorge vertrieb. Melissa fühlte sich so geborgen, wie früher in den Armen ihrer Mutter. In Gedanken sah sie ihr sommersprossiges Gesicht deutlich vor sich. Die Sonne schien durch das Seitenfenster des VW-Käfers und brachte ihr rotes Haar zum Leuchten.

Bremsen quietschten, Blech kreischte auf Blech.

„Nein!” Melissa sprang so heftig auf, dass sie dem Fohlen das Knie in den Hals rammte.

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