Teil 28

Sofort stand Emeralda neben ihr und berührte ihre Stirn mit ihrem Horn. „Entschuldige”, sang ihre Stimme in Melissas Herz, und ein Nebel legte sich über ihre Gedanken. Wie durch Watte hörte sie die Stute mit dem kleinen Hengst schimpfen.

„Du kannst Wunden der Seele nicht ohne Zustimmung heilen, Junge. Das hätte tödlich enden können.”

Mehr hörte Melissa nicht. Sie schlief.

***

Als sie aufwachte, funkelten die Sterne an einem klaren Himmel. Ein Schatten beugte sich über sie.

Der Drache grummelte. „Endlich. Dabei hätte dich mein Magenknurren eigentlich längst wecken müssen. Können wir jetzt weiter fliegen?”

„Was ist passiert?” Melissa setzte sich auf.

„Mein Sohn wollte dich heilen, weil du ihm so traurig vorkamst”, sagte Emeralda. „Er wusste nicht, dass Verletzungen der Seele sehr gefährlich sein können. Ich bitte vielmals um Entschuldigung.”

Melissa runzelte die Stirn. „Meine Seele ist nicht verletzt.“

„So lange du nicht bereit bist in deine Seele einzutauchen, können wir nur die körperlichen Wunden heilen.“ Die Stute berührte die Stirn des Prinzen mit ihrem Horn und der Kratzer auf seiner Wange verheilte ohne eine Narbe.

Melissa untersuchte ihren eigenen Körper genauer und staunte. „Er hat den entzündeten Schnitt in meiner Fußsohle geheilt! Und den Sonnenbrand! Vielen Dank.”

Die Stute rieb ihre Nüstern an Melissas Wange. Die Berührung des samtig weichen Fells beruhigte Melissa. Auf unerklärliche Weise fühlte sie sich getröstet und gestärkt.

Emeralda

Emeralda

Die Stute schnaubte sanft. „Wenn du uns brauchst, sind wir immer für dich da. Es hat uns Freude gemacht, mit dir zu singen.” Sie wieherte, stieg mit den Vorderläufen in die Höhe, wendete in einer eleganten Pirouette und verschwand mit zwei Sprüngen im Wald.

Erst jetzt merkte Melissa, dass die anderen Einhörner längst gegangen waren. „Ich fühle mich wie neugeboren”, sagte sie.

Der Drache sah sie an. Seine Stimme klang zärtlich. „Ich verdanke Emeralda viel. Sie hat sich immer um meine Wunden gekümmert. Einhörner sind die geborenen Heiler.” Er sah zum Himmel. „Wir sollten aufbrechen. Bald wird es hell und ich habe keine Lust, von mehr Menschen gesehen zu werden, als unbedingt nötig.”

Melissa folgte seinem Blick und stellte erfreut fest, dass sich der Sturm ausgetobt hatte. Der Himmel hatte seine Tintenschwärze verloren. Im langsam heller werdenden Blau funkelten noch immer ein paar Sterne. Keine Wolke war mehr zu sehen. Es würde ein sonniger Tag werden.

„Ich möchte auch nur ungern in diesem Aufzug gesehen werden.” Der Prinz deutete auf sein mittlerweile recht mitgenommenes Kleid. „Am besten setzt du uns im Obstgarten ab.”

„Obstgarten klingt gut“, sagte der Drache. „Also los, worauf warten wir noch. Einige Sorten sind sicherlich schon reif.” Er senkte den Nacken, damit Melissa und der Prinz leichter aufsteigen konnten. Wenig später flogen sie mit der aufgehenden Sonne im Rücken ins feurige Rot des neuen Tags.

***

Als Lysande zu sich kam, schmerzten ihre Arme und die linke Schulter. Auch die Beine fühlten sich taub an. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass es an der unbequemen Haltung lag, in der sie die Nacht verbracht hatte. Ihr erster bewusster Blick ging zum Fenster. Das goldene Licht der aufsteigenden Sonne fiel durch die Scheiben und malte helle Muster auf den Teppich.

Als sich Lysande hinsetzte, kribbelten ihre Beine als würden sie von tausenden Nadeln gestochen. Auf Händen und Knien krabbelte sie zum Bett, setzte sich darauf und begann, die Beine zu massieren. In diesem Moment klopfte es.

Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat König Gregor das Zimmer. Er trug dieselbe Kleidung wie am Vortag und wirkte müde. Lysande bemerkte erstaunt, dass er Ringe um die Augen hatte.

„Habt Ihr meinen Jungen gefunden”, fragte er, ohne zu grüßen.

Lysande brachte es nicht über sich, ihn vom Tod seines Sohnes zu unterrichten. Sie versuchte dem Unvermeidlichen auszuweichen. Tapfer ignorierte sie das Stechen in ihren Beinen, stand auf und knickste vorschriftsmäßig. „Guten Morgen, Majestät.”

„Ich will wissen, wo er ist.”

Die Tür knallte gegen die Wand, und der erste Minister platzte herein. Schweiß tropfte ihm aus den Haaren und von der Stirn. Lysande war sich sicher, dass er noch nie so schnell gerannt war.

Er rang um Atem. „Soeben ist im Obstgarten ein Drache gelandet. Auf seinem Rücken …”

König Gregor rannte los, ohne ihn ausreden zu lassen. Lysandes Herz verkrampfte. So schnell sie konnte, folgte sie ihrem Bruder. Ein einziger Gedanke beherrschte sie. Was ist, wenn sie den Sturm überlebt hat? Vergessen waren ihre eingeschlafenen Beine. Dann ist sie mächtiger als ich. Was kann ich nur tun. Mutter aller magischen Welten steh uns bei!

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