Teil 29

Lysande und Gregor rasten die zahllosen Treppen hinunter. Lysande war es nicht gewohnt, so schnell zu laufen. Jeder Atemzug schmerzte und sie hatte Seitenstiche. Sie tröstete sich mit Galgenhumor. Wenigstens sind meine Beine jetzt wieder wach.

Dem König schien es kaum besser zu gehen, denn er schnaufte wie ein Pferd mit Keuchhusten. Im Korridor zu den Gärten kam ihnen ein junges Mädchen entgegen, dessen fliederfarbenes Seidenkleid schon bessere Tage gesehen hatte.

Das Mädchen umarmte Gregor. „Vater! Es ist so schön, wieder zu Hause zu sein.”

Lysande war so überrascht Prinz Victor lebend wiederzusehen, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte. Ein Kichern, das sie nicht unterdrücken konnte, stieg in ihr auf und brach aus ihr heraus. Sie lachte. „Der Maskenball!”, keuchte sie. „Der verdammte Maskenball.” Ihr Lachen klang wie ein Gebirgsbach, der über Steine plätschert. Es wurde lauter und lauter, perlte den Korridor entlang und wurde von den Wänden zurückgeworfen. Sie presste die Hände auf den Bauch, der vom Rennen und Lachen schmerzte, aber sie konnte nicht aufhören. Eine kräftige Ohrfeige beendete ihren Lachkrampf.

„Sibylle! Reiß dich zusammen”, sagte der König.

Der Prinz zog eine Augenbraue in die Höhe. „Das ist Tante Sibylle? Bist du dir ganz sicher, Vater? Ich hatte sie mir viel jünger vorgestellt.”

„Meine Schwester ist die einzige Person auf der ganzen Welt, die wie ein Einhorn lacht. Sie muss verkleidet sein.”

„Dass du noch lebst! Ich kann es gar nicht glauben”, flüsterte Lysande. Tränen liefen ihr über die Wangen. Zum ersten Mal in ihrem Leben umarmte sie Prinz Victor. Der König runzelte die Stirn. Er legte seinem Sohn die Hand auf den Arm und sagte: „Geh erst einmal ein paar anständige Sachen anziehen.”

Victor hakte sich bei Gregor und Lysande unter, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zu seinem Zimmer.

Unterwegs erzählte er, was seit seiner Entführung passiert war. Als er die totale Dunkelheit in der Drachenhöhle beschrieb, wurde Lysande klar, wie sie auf die Idee kommen konnte, Victor sei tot. Bei seiner Darstellung des Flugs auf dem Drachen bekam sie ein schlechtes Gewissen. Als sie sich für den Sturm entschuldigen wollte, wurde sie von Gregor unterbrochen.

„Soso, ein vegetarischer Drache … wie überraschend. Aber wo ist deine Retterin jetzt?”

„Sie ist noch bei dem Drachen. Sie wollte unbedingt sicher gehen, dass die versprochenen Lebensmittel auch so verpackt werden, dass er sie allein wieder auspacken kann.”

„Sie scheint eine mitdenkende Person zu sein.“ Der König wandte sich an einen Diener, der ihnen in gebührendem Abstand gefolgt war. „Sobald der Drache abgeflogen ist, bereitet ihr der jungen Dame ein Bad. Gebt ihr ein Zimmer und frische Kleidung. Danach erwarten mein Sohn und ich sie zum Frühstück.”

Der Diener verbeugte sich und verschwand. Lysande folgte Victor und seinem Vater ins Zimmer des Prinzen.

„Du siehst müde aus, Tantchen“, sagte Prinz Victor. „Mach es dir doch bitte bequem.“ Er deutete auf einen der Sessel vor dem offenen Kamin. Dann verschwand er in seinem Badezimmer, um sich zu waschen und umzuziehen.

Gregor setzte sich seiner Schwester gegenüber und sah sie einige Zeit schweigend an. Schließlich sagte er: „Ich verstehe nicht, warum du mich angelogen hast.”

„Ohne diese Verkleidung hättest du meine Vision angezweifelt, Gregor.”

„Wir haben uns fünfzehn Jahre nicht gesehen. Wie willst du da wissen, was ich dir geglaubt hätte und was nicht?”

Lysande beugte sich vor und sah ihrem Bruder direkt in die Augen. „Du hast meine Begabung nie ernst genommen. Nicht einmal, als ich dich damals vor dem durchgehenden Pferd gerettet habe.”

„Wir waren Kinder, Sibylle. Deine Visionen haben mir Angst gemacht.” Der König zuckte mit den Schultern. „Außerdem hast du dich oft genug geirrt.”

„Ich heiße nicht mehr Sibylle. Mein Name ist jetzt Lysande und ich bin die Herrin der Sprechenden Bäume.”

König Gregor ist wütend

König Gregor ist wütend

Der König schnaufte. Seine Stimme klang kalt und abweisend. „Ist der Name, den dir unsere Eltern gaben, nicht mehr gut genug, Lysande? Wahrscheinlich sind wir dir auch nicht gut genug.” König Gregor stand auf und ging zum Fenster. Mit dem Rücken zu Lysande sagte er: „Ich für meinen Teil, lasse mich ungern belügen. Verlass mein Schloss. Ich will dich hier nicht mehr sehen.”

Lysande hatte einen Kloß im Hals, der ihr das Sprechen schwer machte. Mit zitternden Knien stand sie auf und ging zur Tür. „Gregor, das Heer …”

Der König fuhr herum. Seine Stimme klang beherrscht, aber Lysande spürte die aufgestaute Wut dahinter. „Mein Heer geht dich gar nichts an. Ich werde die Jungs wieder nach Hause schicken. Auf deine eingebildeten Gefahren können wir gut verzichten.”

Lysande wusste, dass sie verloren hatte. Es gab nichts mehr, was sie noch tun konnte, um den Schwarzen Schatten aufzuhalten. Sie schwankte. „Nun ist der Krieg nicht mehr aufzuhalten. Bete zur Mutter aller magischen Welten, Gregor. Bete!“, flüsterte sie.

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