Teil 3

„Seht, was ich gefunden habe.” Er streckte die Hand aus, auf der ein kleiner, goldener Stein lag, vom Meerwasser rund geschliffen und mit einem dunklen Schatten darin.

Melissa beugte sich über den Tisch und betrachtete den Stein genau. „Was ist das?”

„Tu nicht so als sei das Herberts erster Bernstein”, sagte Freya. „Seit wir hier sind schleppt er doch jeden Morgen mindestens einen dieser Dinger an.“

Melissa schüttelte den Kopf und ihre kurzen, roten Locken wippten im Takt. „Ich mein doch das Tier da drinnen.”

Melissa and her uncle„Es ist eine winzige Spinne, sieh her.” Herbert zog eine Lupe aus dem Hemd und hielt sie über den Stein.

Freya zog empört die Augenbrauen in die Höhe. „Herbert! Das ist widerlich. Eine Spinne am Frühstückstisch! Auch wenn sie tot ist, empfinde ich es als unpassend. Ich will, dass sie verschwunden ist, bis ich mit dem Essen zurück bin.” Sie stand auf und stöckelte zum Buffet hinüber.

Melissa sah ihr nach. „In dem Kleid sieht sie aus wie ein Flamingo.”

„Sei nicht gemein. Es ist nicht leicht für sie von heute auf morgen mit einer Sechzehnjährigen klarzukommen.”

Melissa presste die Lippen fest aufeinander, um nichts zu sagen. Glaubte ihr Onkel denn, für sie sei es leicht, sich an eine neue Familie zu gewöhnen? Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen. Wenigstens erinnerte sie hier im Urlaub nichts an ihre Mutter und das Brüderchen. „Sie gibt sich nicht mal Mühe, mich zu verstehen.”

Herbert legte seine Hand auf Melissas und sah ihr in die Augen. „Hast du denn schon mal versucht, sie zu verstehen?” Er strich Melissa über die Hand und gab ihr die Lupe.

Nur zu gern schob Melissa Gespräch und Gedanken beiseite und ließ sich ablenken. Fasziniert betrachtete sie die Spinne im Bernstein. So vergrößert waren deutlich sieben der acht Beine zu sehen. „Das arme Tier. Muss ganz schön eklig sein, in einem Harztropfen zu ersticken.”

Herbert nickte. „Das schon. Aber welch eine Bereicherung für die Nachwelt, nicht wahr? Alles hat eben zwei Seiten, wenn man es genau betrachtet.”

„Na klar doch. So wie die Wurst. Apropos Wurst, ich hol mir jetzt was zum Essen.” Melissa sprang auf, um Freya aus dem Weg zu gehen, die gerade mit einem beladenen Tablett zurückkehrte. Sie freute sich auf den Tag am Strand. Dort war ihre Tante zu sehr damit beschäftig sich in möglichst attraktiven Posen zu sonnen, um darauf zu achten, was Melissa tat. Sie würde ungestört lesen und träumen können.

***

Blech kreischte. Keine Luft. Die Stimme der Mutter. Babyschreie. Die Tür! Erst Asphalt, dann Gras an Händen und Knien. Nur weg. Das Quietschen von Gummi auf Asphalt. Melissa schrie!

Ihr Schrei wurde von Sand erstickt. Hustend und spuckend setzte sie sich auf und sah sich um. Es dauerte einige Zeit, bis sie begriff, dass sie eingeschlafen war. Sie wischte sich den Sand aus dem Mund. Ich will nicht immer von dem Unfall träumen. Sie verdrängte den Albtraum so gut es ging und rieb sich noch einmal mit Sonnencreme ein. Der riesige Schirm, den ihr Onkel im Sonderangebot gekauft hatte, spendete kühlenden Schatten und das Meer leckte friedlich am Sand. Herbert wanderte suchend den Strand entlang, und Freya war nirgends zu sehen.

Melissa beobachtete die Menschen, die den schmalen Sandstreifen zwischen Steilküste und Ostsee bevölkerten. Kinder rannten lachend hintereinander her oder tobten durch das warme Wasser. Zwei Mädchen bauten dicht am Meer eine Kleckerburg, und ein Junge bedeckte seinen schlafenden Vater mit Sand. Die Bucht machte einen großen Bogen und in der Ferne waren gerade noch die Häuser des Ortes zu erkennen.

Melissas Gedanken wendeten sich wieder ihrem Traum zu. Sie überlegte, ob sie ein wenig schwimmen gehen sollte, um sich abzulenken. Hat ja doch keinen Sinn. So leicht sind Träume nicht zu vertreiben. Ihr Blick fiel auf das Buch in ihrer Tasche. Lesen ist das ideale Mittel, einen Albtraum zu vertreiben. Sie schlug die richtige Seite auf und tauchte in die Geschichte ein. Sie spürte nicht, wie ihr die Sonne trotz Sonnenschutz und Schatten Nase und Schultern verbrannte. Sie fegte den Sand, den der Wind vor sich her trieb, von den Seiten, ohne es zu merken. Alles, was sie sah, waren die Bilder einer fremden Welt, die ihre Fantasie in ihr Herz malte.

Eine harte Hand packte ihre Schulter. Verwirrt sah Melissa von ihrem Buch auf. Ihr Blick wanderte von der Hand über das rosa Strandkleid zu dem Gesicht der hageren Frau. Erst jetzt hatte sie in die Realität zurück gefunden. Sie erkannte ihre Tante Freya.

„Wie oft muss ich dich denn noch rufen. Zieh dich endlich an, wir müssen ins Hotel zurück. Es gibt gleich Abendbrot.”

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