Teil 30

Müde wischte sie sich Schminke und Zauber aus dem Gesicht. Mit Tränen in den Augen und hängenden Schultern verließ sie das Zimmer und schlurfte die Treppe hinunter.

Als sie die Eingangshalle erreichte, sah sie das Mädchen mit den roten Haaren in Begleitung eines Dieners aus dem Korridor kommen, der vom Garten herein führte. Sie sieht so harmlos aus. Lysande schüttelte ungläubig den Kopf. Es ist kaum zu glauben, dass sie der Schwarze Schatten ist. Wenn sie sich nur nicht so geschickt bei Gregor eingeschlichen hätte. Victors Rettung war ein Geniestreich. Ich habe mich übertölpeln lassen, wie eine Anfängerin.

Sie biss sich auf die Unterlippe und ballte die Hände zu Fäusten. Sie atmete zweimal tief durch und ging so aufrecht wie möglich. Das Mädchen lächelte, aber Lysande runzelte die Stirn. Diese Schadenfreude. Irgendetwas muss ich doch tun können. Irgendetwas um sie aufzuhalten. Als die Fremde nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, hatte Lysande eine Idee. Gregor wird mich dafür wahrscheinlich hinrichten lassen, aber das muss ich riskieren. Sie streckte die Hände aus und schleuderte dem Mädchen die Schmerzen entgegen, die sie bei den Visionen über den Schwarzen Schatten empfand. Blaue Blitze schossen aus ihren Fingerspitzen.

Melissa weicht Lysandes Angriff aus

Melissa weicht Lysandes Angriff aus

Das Mädchen schrie auf und hob die Arme. Sie spreizte die Finger und Lysandes Blitze prallten von der Luft ab, wie Pfeile vom Schild eines Ritters.

Lysande gab auf. Sie ist besser als ich. Alles ist aus. Sie spürte, wie eine neue Vision nach ihr griff. In ihrer Verzweiflung sprang sie ein paar Schritte nach vorn, packte die Hand des Mädchens und riss ihren Geist mit sich in die Vision. Überrascht stellte sie fest, dass sie die Hand des Mädchens auch in ihrer Vision noch spürte.

Gemeinsam schwebten die beiden durch einen Nebel. Sanft und beruhigend lud er zum Vergessen ein. Lysande war entsetzt. Noch nie hatte sie in einer ihrer Visionen den Nebel des Vergessens gesehen. Sie schloss die Augen und versuchte, sich an so viele Dinge zu erinnern, wie nur möglich.

Erstaunt stellte sie fest, dass sie den Namen des Mädchens wusste und dass es aus einer weit entfernten Welt kam. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Ihre Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt, und ihr Herz schlug schneller. Der Nebel wurde dichter, und Lysande spürte, wie er auf sie zu kroch. Schon wusste sie nicht mehr, warum sie durch den Nebel wanderten. Panische Angst trieb sie vorwärts.

Jemand hielt ihre Hand und sagte: „Ich mag diesen Nebel nicht. Wir sollten hier verschwinden.“

Lysande wäre zu gerne verschwunden. Sie versuchte, sich an König Gregors Schloss zu erinnern. Licht durchbohrte den Nebel und löste ihn auf. Was ihnen die Vision nun zeigte, war Lysande unangenehm vertraut. Mit den Bildern von Krieg und Zerstörung, Raub und Mord, Tod und Verderben kehrte die Erinnerung zurück. Schmerzen durchfuhren Lysandes Körper. Sie spürte das Leiden jedes einzelnen Menschen. Doch diesmal schleuderte sie es nicht in blauen Blitzen aus sich heraus, sondern gab es ungefiltert an ihre Begleiterin weiter.

Melissas Schrei hallte über die Vision, schreckte Krähen und Raben auf, die vollgefressen auf den Bäumen saßen. Lysande zerrte Melissas Geist zum Schloss ihres Bruders. Anklagend zeigte sie auf die verbrannte Ruine und auf die frischen Gräber am Wall. Prinz Victors Helm und ein Zettel mit seinem Namen hingen an einem schlichten Holzkreuz.

Melissa starrte in den Himmel, wo die Wolken das Inferno widerspiegelten, das die Dörfer verschlang. „Wo sind wir? Was hat das zu bedeuten?”

Verblüfft ließ Lysande ihre Hand los. Unglaublich. Sie kann hier reden! Niemand kann in einer Vision reden.

„Selbstverständlich kann ich reden“, sagte Melissa. „Wieso sollte sich das nicht können? Und wie komme ich in eine Vision?”

Lysande antwortete nicht. Sie konnte nicht glauben, dass Melissa ihre Gedanken hören konnte. Es rieselte ihr kalt über den Rücken, und sie bekam eine Gänsehaut. Sie ist mir als Hexe haushoch überlegen. Lysande zitterte. Verzweifelt suchte sie nach ihrer Wut, fand sie aber erst wieder als Melissa fragte: „Woher weiß ich, wer Sie sind und wie Sie heißen?”

„Du bist doch verantwortlich für all das hier!” Lysande zeigte auf das Chaos um sie herum, dankbar für die Wut, die sie Melissas Überlegenheit ignorieren ließ.

„Warum soll ich an dieser Verwüstung Schuld sein? Alles, was ich will, ist in meine eigene Welt zurückzukehren.”

„Lüge, alles Lüge”, sagte Lysande, aber sie war sich nicht mehr so sicher wie zuvor.

Melissa stemmte die Hände in die Hüften. „Beweisen Sie’s mir. Los, zeigen Sie mir, wie es zu diesem Krieg kommt, und warum ich dafür verantwortlich sein soll.”

„Visionen kann man nicht steuern.”

„Ich wette, Sie haben es noch nie versucht.”

Lysandes Wangen brannten. Die fremde Hexe hatte Recht. Sie hatte noch nie versucht, eine Vision zu steuern.

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