Teil 32

Lysande schloss die Augen, und wenig später erwachten die beiden Frauen in der Eingangshalle des Schlosses. Melissa spürte die kalten Fliesen an ihren nackten Beinen und Lysandes warme Hand in der ihren. Erleichtert stand sie auf. Sie beruhigte den Diener, der aschfahl am Treppengeländer lehnte und winkte die Wachen fort, die sich langsam und mit gezogenen Schwertern auf Lysande zu bewegten. Dann hob sie den Mantel auf, den ihr der Prinz geschenkt hatte, half der weinenden Hexe auf die Beine und zog sie mit sich zur Treppe.

„Mir wurde etwas Warmes zum Anziehen versprochen. In der Zwischenzeit erklärst du mir, wo wir eben waren, was das bedeutet und was der Kerl am Strand mit der Verwüstung zu tun hat.”

„Aber mein Bruder hat mich verbannt. Ich muss das Schloss verlassen.”

„Ich kann ihn sicher umstimmen. Schließlich habe ich seinen Sohn heimgebracht. Komm erst einmal mit.” Sie hakte sich bei Lysande unter und führte sie in das Zimmer, das ihr der Diener zeigte. Es war klein, aber hell und sehr gemütlich eingerichtet. Im Kamin flackerte ein wärmendes Feuer und auf den Holzdielen davor stand ein altmodischer Badezuber, aus dem es dampfte. Sie setzte Lysande in den weichen Sessel am Fenster, hängte ihren Mantel an einen Haken hinter der Tür und schlüpfte aus ihrem zerschlissenen Strandkleid. Mit einem glücklichen Seufzer stieg sie in die Wanne. „Herrlich! Ich habe das Gefühl, ich hätte ein ganzes Jahrhundert nicht mehr gebadet. Übrigens, ich heiße Melissa.”

„Ich weiß.“

„So wie ich deinen Namen weiß?“

Lysande nickte. „Etwas Ungewöhnliches ist in der Vision passiert. Ich kann es mir nicht erklären. Es ist beileibe nicht üblich, dass man in einer Vision die Gedanken einer anderen Person hören kann.“

Melissa musste sich anstrengen, um Lysande zu verstehen, so leise sprach sie. „Hatst du öfter Visionen?“

Lysande starrte aus dem Fenster. Stockend erzählte sie von den Visionen, die sie schon seit vielen Jahren verfolgten. Als sie versuchte, die Kälte und den Hass des Schwarzen Schatten zu beschreiben, stockte sie. Ihr fehlten die Worte.

Melissa verstand sie auch so, sie hatte beides ebenfalls gespürt, als Djarret den Strand betrat.

„Können wir denn gar nichts tun? Immerhin waren es kaum mehr als fünfzig Leute.” Sie angelte nach dem Handtuch, das auf den Boden gefallen war.

Lysande bemerkte es nicht. Sie holte tief Luft. „Ich habe viele Visionen gehabt, und die meisten wurden wahr. Nur bei sehr wenigen ist es mir gelungen, das Unheil abzuwenden.”

„Aber wozu sind die Visionen gut, wenn du das, was du siehst nicht ändern kannst?”

„Ich weiß es nicht, aber ich habe Angst. Furchtbare Angst!”

„Es muss etwas geben, das wir tun können.” Melissa rubbelte sich energisch trocken. „Du hast es im Prinzip ganz richtig angefangen. Dumm nur, dass du ihn mit mir verwechselt hast.”

Lysande gibt auf

Lysande gibt auf

Lysande vergrub das Gesicht in den Händen und schluchzte.

Melissa legte ihr die Hand auf die Schulter. „Kopf hoch. Noch sind die schwarzen Kerle nicht hier, also haben wir noch eine Chance.”

„Es hat keinen Sinn. Mein Bruder will sein Heer nicht einsetzen.” Lysande bot ein Bild der Verzweiflung. Sie hing in dem Sessel, als wäre ihr Leben bereits zu Ende.

Melissa hätte sie schütteln können. Doch dann wurde ihr bewusst, dass sie sich nach dem Autounfall selbst so benommen hatte. Ich muss ein ganz schönes Ekel gewesen sein. Sie schlüpfte in ein weißes Wollkleid, das auf dem Bett für sie bereit lag. Arme Tante Freya. Kein Wunder, dass sie immer so genervt war. Sie schob den Gedanken an den Unfall beiseite und sagte: „So leicht gebe ich nicht auf.”

„Ohne das königliche Heer sind wir hilflos”, sagte Lysande.

Es klopfte und ein Diener trat ein. Er verbeugte sich höflich. „Seine Majestät König Gregor und Kronprinz Victor erwarten Sie im Speisesaal, Milady.”

Melissa nickte ihm freundlich zu. „Einen Moment. Ich will etwas mitnehmen.” Sie griff in die Tasche ihres alten Strandkleids und nahm das Taschentuch ihrer Urgroßmutter heraus. Etwas polterte auf die Dielen und rollte ein Stück. Vor Lysandes Füßen blieb es liegen. Die Hexe starrte den gelblich-braunen Stein mit großen Augen an.

„Oh, mein Stein. Den hatte ich ganz vergessen.” Melissa bückte sich danach.

Dein Stein? Korosadja ist dein Stein?” Lysande sprang auf und packte Melissas Handgelenk.

„Er hat einen Namen?” Melissa zuckte mit den Schultern und entzog Lysande ihren Arm.

„Weißt du denn nicht, was das ist? Das ist der Korosadja! Seit vielen Jahren ist Ceres, Herr der Dunkelkrieger, auf der Suche nach diesem Stein.”

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