Teil 33

Melissa ging ein Licht auf. „Heißt das, die schwarzen Kerle am Strand gehören zu seinen Dunkelkriegern? Glaubst du, dass sie uns wegen eines Steins angreifen werden?” Ungläubig sah sie Korosadja an, dessen sanftes, inneres Licht pulsierend Muster auf ihre Handfläche zeichnete. „Er ist ein etwas merkwürdiger, aber wunderschöner Bernstein, nichts weiter.”

„Es ist der mächtigste magische Stein aller Welten.” Lysandes Stimme klang empört.

Melissa lächelte sie an. Sie freute sich, dass Lysandes Mutlosigkeit überstanden war. „Wenn er wirklich so mächtig ist wie du sagst, kann er uns retten, nicht wahr? Weißt du, wie man ihn benutzt?”

„Nur Hohepriesterin Durimeh kannte die Geheimnisse des Korosadja, und sie ist lang schon tot.”

Der Diener unterbrach das Gespräch. „Milady, seine Majestät wartet nicht gern”,

„Wir kommen schon.” Melissa hakte sich bei Lysande ein. „Kennt dein Bruder den Zauberstein?”

„Jeder Mensch auf dieser Welt kennt ihn.”

„Also los, worauf warten wir?” Arm in Arm folgten Melissa und Lysande dem Diener durch endlose Korridore zum Speisesaal. Der Diener öffnete die hohen Türen und kündigte Melissa an, bevor er sie eintreten ließ. Lysande hielt er zurück.

König Gregor eilte ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Willkommen auf meinem Schloss, edle Frau. Ich hoffe Ihr fühlt Euch hier wohl.”

„Ja, sehr. Danke.” Melissa winkte Lysande, die ihr nur zögernd folgte.

König Gregor runzelte die Stirn, als er sie sah. „Was soll das? Was macht diese Person hier? Wache!”

Prinz Victor legte seinem Vater eine Hand auf den Arm. „Bitte Vater, lass uns erst hören, was sie zu sagen hat. Dank Melissa weiß ich, dass man nur durch Reden der Wahrheit nahe kommt.”

Melissa und König Gregor

Melissa und König Gregor

König Gregor ballte die Fäuste, winkte aber die Wachen beiseite, die Lysande auf seinen Ruf hin gepackt hatten.

Victor nickte zufrieden und hakte sich bei seiner Tante ein. „Lasst uns etwas essen. Ich habe einen Drachenhunger.”

„Wie ein vegetarischer Drache?” Melissa kicherte.

Victor lachte und führte Lysande durch den Saal, zu einem Platz am Kopf des riesigen Eichentischs. Auch um König Gregors Lippen zuckte es, als er Melissa den Arm reichte und sie zu einem Sitzplatz führte.

Melissa bestaunte die kunstvollen Schnitzereien aus dunklem Holz, die das sonst eher schlichte Zimmer schmückten. Sie hoben sich von den weiß getünchten Wänden besonders wirkungsvoll ab. Auch die Stühle waren reich mit Schnitzereien verziert und der Sitz des Königs war zusätzlich vergoldet und mit Edelsteinen besetzt. Melissa war überrascht, wie bequem sie trotz fehlender Polsterung waren.

Während ihnen das Essen serviert wurde, erzählte Victor noch einmal ausführlich von seiner Rettung vor dem Drachen. Als er beschrieb, wie Melissa herausgefunden hatte, dass der Drache Vegetarier war, lachten König Gregor und Lysande aus vollem Herzen.

Der König legte seine Hand auf Melissas und sah ihr in die Augen. „Edle Frau. Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll. Gern gebe ich Euch die Hand meines Sohnes und das halbe Königreich dazu.”

Melissa hob abwehrend die Hände. „Hey, ich bin erst sechzehn. Ich will noch nicht heiraten und ein Königreich brauche ich auch nicht.”

„Aber so verlangt es die Tradition.” König Gregor war so überrascht, dass er sein Weinglas umstieß. Als das Malheur von den aufmerksamen Dienern beseitigt worden war, hatte er sich gefasst. „Nun gut, dann verlangt eben etwas anderes von mir. Was es auch ist, ich werde es Euch geben.”

Melissa zwinkerte Lysande zu. Sie wusste genau, was sie wollte, und sie zögerte keinen Moment, es dem König zu sagen. „Leihen Sie uns Ihr Heer, Majestät. Und nennen Sie mich bitte Melissa.”

„Mein Heer, mein Heer. Alle wollen mein Heer. Ich frage mich nur, warum. Wir leben seit vielen Jahren mit all unseren Nachbarn in Frieden.”

Melissa zog Korosadja aus der Tasche und hielt ihn dem König hin. „Eine Einheit der Dunkelkrieger ist hinter diesem Stein her, und sie kennen keine Gnade. Sie werden Ihr Königreich und diese ganze Welt vernichten, wenn sie ihn nicht bekommen. Das ist es, was Lysande in ihren Visionen gesehen hat.”

„Warum hast du mir das denn nicht gesagt, Sibylle?”

„Lysande.”

König Gregor runzelte die Stirn. „Warum nicht mehr Sibylle?“

„Namen haben Macht. Ich musste meinen ändern, in einen öffentlichen und einen geheimen, damit andere Hexen mich nicht verfluchen können.“

„Ach so.“ König Gregor nickte. „Also gut, ich werde dich ab sofort Lysande nennen. Zurück zum Thema, warum hast du es mir nicht gesagt?”

Lysande starrte auf ihre Hände, die reglos auf dem Tisch lagen. „Eine Vision zu verstehen ist nicht gerade leicht. Oft begreife ich sie erst, wenn eingetreten ist, was sie mir gezeigt hat.”

„Warum musstest du dich verkleidet einschleichen? Ich kam mir vor, wie ein Esel.”

Lysande streckte die Hand nach Gregor aus. „Entschuldige bitte. Ich dachte du würdest mich auslachen. Du hast meine Visionen nie ernst genommen.”

Gregor nahm die angebotene Hand seiner Schwester und drückte sie. „Ach Sibylle – ich meine Lysande. Wir sind schon zwei alte Trottel, nicht wahr?”

„Schnulz, schnulz”, sagte Prinz Victor und zog eine Grimasse. Melissa grinste. König Gregor wurde rot und räusperte sich, aber er ließ die Hand seiner Schwester nicht los.

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