Teil 34

„Selbstverständlich könnt ihr meine Armee haben. Leider habe ich zurzeit nur vierhundertfünfzig Mann. Ich bin mir nicht sicher, ob das gegen die Dunkelkrieger reicht. Man sagt für jeden von ihnen kämen zehn Gegner um.”

„Ich werde unsere Armee führen”, sagte Prinz Victor.

„Aber nicht ohne mich.” König Gregor schüttelte den Kopf. „Ich werde auf keinen Fall zulassen, dass Lysande’s Vision wahr wird und du dich in einem Grab vor den Toren unserer Stadt wieder findest.” Er schauderte bei der Erinnerung.

Melissa hatte eine Idee. „Vielleicht wird die Vision nicht wahr, wenn der Kampf an einem anderen Ort stattfindet.“

„Das könnte klappen“, sagte Lysande.

„Wir müssen so weit wie möglich von der Stadt weg bevor die Dunkelkrieger kommen.“ Melissa strahlte. „Wir könnten den Drachen um Hilfe bitten. Wenn wir ihm erklären, dass die Schwarzen eine besondere Form von Rittern sind, unterstützt er uns bestimmt. Er kann Ritter nicht ausstehen.”

„Ich komme mit.” Prinz Victor wollte aufspringen, aber Melissa hielt ihn zurück.

Sie schüttelte den Kopf. „Du musst das Heer so weit es geht Richtung Einhornwald bringen und die Soldaten auf den Kampf vorbereiten.”

„Dann werde ich mit dir reiten.” Lysande sah ihren Bruder an. „Wir brechen sofort auf. Gregor, leihst du uns zwei Pferde? Und du, Victor, solltest auch nicht trödeln. Setz deine Soldaten in Bewegung.”

„Erst essen wir.” King Gregor lehnte sich zurück. „Mit vollem Magen reist es sich besser.” Er befahl den Dienern, die beiden schnellsten Pferde zu satteln und alles zu packen, was für eine Reise zum Einhornwald nötig wäre. Dann ließ er Wein nachschenken, stand auf und hob das Glas. Sein Bariton füllte die Halle, als er den traditionellen Reisesegen sprach. „Mutter aller Welten, sei uns gnädig. Beschütze Lysande und Melissa auf ihrer Reise, und kröne ihre Unternehmung mit Erfolg.”

***

Melissas Po schmerzte und die Innenseiten ihrer Oberschenkel waren wund. Sie war noch nie mehrere Tage am Stück geritten. Zitternd zog sie den Mantel enger um die Schultern und dachte, wie gut es doch gewesen war, dass Prinz Victor ihn gefunden hatte. Gerade die Nächte waren ungemütlich kalt. Um sich abzulenken fragte sie Lysande nach dem Zauberstein. „Wo kommt Korosadja eigentlich her?“

Reise zum Drachen

Reise zum Drachen

Lysande zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ihn die Hohepriesterin Durimeh eines Tages von einem Magier bekam.“

Melissa drehte sich im Sattel nach Lysande um. Das Verhalten des Magiers wunderte sie. „Warum hat er ihn nicht selbst behalten?“

„Er starb wenig später.“

„Und warum ist der Stein jetzt nicht mehr bei der Hohepriesterin? Sollte sie nicht auf ihn aufpassen?“

„Durimeh ist tot, schon vergessen? Sie war nachlässig. Sie zeigte den Stein zu vielen Menschen. Als sie seine wahre Macht erkannte war es zu spät.“

Melissa drehte sich im Sattel halb um. „Warum hat sie nicht jemanden beauftragt, den Stein zu vernichten. Wenn er so furchtbar mächtig ist, wäre es sicher besser gewesen, ihn loszuwerden – vielleicht in einen Vulkan werfen.“

Lysande steckte sich ein Stück trockenes Obst in den Mund und sprach mit vollem Mund weiter. „Sie erkannte die Gefahr erst, als Ceres ihre Welt eroberte, und sie versuchte den Stein zu beschützen. Aber vergeblich.“

Melissa witterte eine spannende Geschichte. Sie hielt ihr Pferd zurück, bis es neben Lysandes ging. „Erzähl doch. Was ist passiert?“

Lysande war keine gute Erzählerin. Ihre Darstellung von Ceres und seinen Kriegen wirkte eher eintönig, als abenteuerlich. Aber Melissa stellte sich vor, sie sei dabei gewesen. Ihre Fantasie und Korosadjas Magie erschufen ein Bild, das der Realität ziemlich nahe kam.

***

Ceres saß in einem Zelt. Melissa staunte über seine Körpergröße. Er verhandelte mit Magiern und Adeligen in zerrissenen Gewändern über die Bedingungen der Kapitulation. In den Augen der Besiegten flackerte Angst.

„Euer König ist tot“, sagte Ceres zu den Adeligen. „Ernennt mich zu Eurem König und ihr sollt Eure Titel behalten dürfen.“

„Was sollen wir mit unseren Titeln, wenn das Land verwüstet ist“, murmelte ein junger Fürst leise.

Ceres hörte es. „Gegen eine geringe Abgabe werden Eure Ländereien von meinen Dunkelkriegern unberührt bleiben.“

Die Adeligen berieten sich nicht. Einer nach dem anderen verneigte sich bis die Stirn den Boden berührte. Sie schworen dem neuen König ewige Treue.

Ceres wandte sich an die Magier. „Gebt mir die Hoheit über die Tore zwischen den Welten und ich verschone euer Leben.“

Ein alter Mann hob den Kopf. Sein Bart war lang und weiß, seine schlichte Kutte an vielen Stellen verkohlt. Trotzdem kam es Melissa so vor, als sei er der Anführer der Magier.

„Niemals werden wir Euch Zugang zu den Toren geben“, sagte er.

Ceres winkte und zwei Soldaten packten den Magier bei den Oberarmen. Sie zogen ihn ins Freie, wo für alle sichtbar der Henker mit geschärfter Axt auf den ehrwürdigen Alten wartete. Einen Hieb später fragte Ceres erneut. Die verbliebenen Magier stimmten darin überein, dass es das Beste für ihr eigenes Leben sei, ihm die Tore zu überlassen.

Ceres rief seine Armee zusammen. Waffen wurden geschärft und Rüstungen repariert, dann brachen die Dunkelkrieger zu neuen Welten auf.

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