Teil 36

„In Ordnung. Ich koch uns etwas.” Lysande packte die Lebensmittel aus. Melissa wollte gerade auf die Suche nach der Quelle gehen, an der sie Reginald und Leander bei ihrem letzten Besuch verloren hatte, als sie Lysande kreischen hörte. Der Schrei ging ihr durch Mark und Bein. Mit einem Sprung stand sie neben den Kochutensilien und schnappte sich die Pfanne. Ein weiterer Sprung brachte sie zu Lysande. Sie holte aus, um das schwarze Etwas auf Lysandes Kopf zu schlagen. Im letzten Moment riss sie die Pfanne zur Seite. Der Schwung trug sie vorwärts, so dass sie gegen Lysande stolperte. In einem Gewimmel aus Armen, Beinen, Mandibeln und Metall landeten sie auf dem Boden.

„Leander.” Melissa runzelte die Stirn. „Musst du uns so erschrecken?”

Die kleine Spinne klickte mit den Mandibeln und senkte den Kopf. „Entschuldigung. Ich wollte dich nur etwas erschrecken, und dabei habe ich dich wohl mit der anderen Frau verwechselt. Du weißt doch, dass wir Riesenspinnen nicht besonders gut sehen können.”

Melissa hob Leander auf und strich über sein weiches Fell. Er war ein ganzes Stück größer und viel schwerer geworden. „Sag mal, bist du gewachsen?”

„Ich habe gut gegessen. Hier gibt es jede Menge Ratten.” Leander zog die Beine unter sein Hinterteil und kuschelte sich in Melissas Arm. Er fühlte sich an, wie ein flauschiger Basketball.

Melissa streichelte ihn. „Ich freu mich, dich wiederzusehen. Ich dachte du wärst längst verschwunden.”

„Na, irgendjemand muss doch aufpassen. Seit uns der Drache entdeckt hat, schlagen er und Reginald sich die Wänste voll.”

„Reginald ist auch noch da?” Melissa wischte sich eine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel, setzte Leander ab und wandte sich an Lysande, die sie mit offenem Mund anstarrte.

„Komm, wir packen unsere Sachen wieder zusammen. Leander wird uns zum Drachen bringen.” Sie sah die Spinne an. „Du kennst doch den Weg?”

„Klar doch.”

Melissa rollte ihr Bett wieder zusammen und half Lysande beim Einpacken der Kochsachen.

„Es kann losgehen, Leander.” Sie schulterte das Gepäck. Lysande zündete die Laterne an und griff nach Melissas Hand. Gemeinsam folgten sie der Spinne ins Dunkel.

„Bist du sicher, dass er uns nicht ins Netz seiner Sippe führt?” Lysande flüsterte.

Melissa lachte. „Er hat mich vor seiner eigenen Mutter gerettet.”

Lysande sah Melissa mit weit geöffneten Augen an. „Ich kann mich nicht entsinnen, je von einer Hexe gehört zu haben, die eine Riesenspinne als Zaubergefährten hatte.”

„Ich bin keine Hexe, und Leander ist kein Zaubergefährte. Wie kommst du auf die Idee?”

„Du redest mit ihm. Mein Zaubergefährte ist ein weißer Rabe, der Lukas heißt. Mit ihm kann ich mich auch unterhalten.”

„In dieser Welt gibt es eben ziemlich viele Tiere, die sprechen können.”

„Hast du etwa auch mit den Pferden gesprochen? Ich meine so, dass sie dich verstanden haben?”

„Aber sicher.“ Melissa Wurde rot. Die Bewunderung in Lysandes Augen machte sie ganz verlegen. „Ich dachte du hättest sie auch verstanden.”

„Ich kann kaum glauben, dass du mit allen Tieren reden kannst. Nicht einmal unsere größten Hexer konnten sich ohne besondere Zaubersprüche mit Tieren unterhalten, die nicht ihre Zaubergefährten waren. Du musst eine sehr mächtige Hexe sein.”

„Wie oft soll ich das noch sagen? Ich bin keine Hexe. Vielleicht liegt es an Korosadja.” Für Melissa war das Thema damit beendet. Schweigend wanderten sie durch den dunklen Gang. Ihre Laterne warf gerade genug Licht auf den Boden vor ihnen, dass sie nicht stolperten.

Reginald diskutiert Haute Cuisine

Reginald diskutiert Haute Cuisine

Einige Zeit später betraten sie die Halle, in der der Drache lebte. Diesmal war es nicht so dunkel wie bei Melissas erstem Besuch. Das Feuer, über dem ein großer Eisentopf hing, loderte hell und brachte neben dem Drachengold auch zahlreiche Stalaktiten und Stalagmiten zum Funkeln. Der Balkon, auf dem Melissa den Drachen kennen gelernt hatte, war der Anfang eines steinernen Wasserfalls. An seinem Fuß waren Obst und Gemüse zu einem kleinen Berg aufgeschüttet. Direkt daneben standen der Drache und Reginald, diesmal in schlichtem Braun. Sie unterhielten sich angeregt.

„Wir können die Kartoffeln in ganz feine Scheiben schneiden und mit viel Fett rösten”, schlug der Drache vor.

„Das nennt man Chips”, sagte Melissa. „Man kann sie wunderbar mit Salz oder Paprika würzen.”

„Ach, das Menschlein. Schön, dass du wieder da bist. Und den ollen Mantel hast du auch noch.” Der Drache beugte sein Haupt zu Melissa hinunter und pustete ihr ins Gesicht. Es fühlte sich an, wie ein warmer Sommerwind.

„Melissa!” Reginald machte einen Luftsprung vor Freude und trabte im Kreis um Melissa herum. „Als der Drache ohne Euch heimkehrte, wähnte ich, er hätte Euch verspeist.”

„Er hat ihn sogar angegriffen, der Trottel.” Leander schüttelte den Kopf.

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