Teil 38

Einer der Späher kehrte zurück. „Wir haben einen Pfad entdeckt, der den Spuren nach von ziemlich kleinen Pferden benutzt wird. Er führt in unsere Richtung. Zabor folgt ihm.”

„Geh voran”, befahl Djarret. Wenig später erreichten sie den Einhornpfad. Er führte in felsiges Gelände. Als sie um eine Ecke bogen, blieb Djarret stehen. Seine Augen weiteten sich entsetzt. Zabor hing in klebrigen Seidenfäden gewickelt in einem riesigen Spinnennetz.

„Zurück!” Djarrets Befehl kam zu spät. Sie waren schon von vielen, basketballgroßen Spinnen umzingelt. Die Männer zogen ihre Schwerter. Es rasselte metallisch.

„Angriff!”

Die schwarzen Krieger stürzten sich auf die Spinnen, die mit überraschender Geschwindigkeit an ihren seidenen Fäden in die Höhe schossen. Djarret folgte ihnen mit den Augen, das Schwert kampfbereit, als eine riesige Spinne die Sonne verdunkelte. Für den Bruchteil einer Sekunde war er wie gelähmt. Er hatte diese Welt eindeutig unterschätzt. „Rückzug”, befahl er, doch die Spinne hatte ihn und seine Männer schon erreicht. Er wurde von einem Spinnenbein zur Seite geschleudert, als sei er aus Papier.

Djarret kämpft mit einem Spinnenbein

Djarret kämpft mit einem Spinnenbein

Staub verhüllte das Gemenge aus Kämpfern und Spinne. Geschrei erfüllte die Luft, und Spinnenseide verklebte den Kämpfenden Arme, Beine und Augen. Djarret zwang sich aufzustehen. Ihm war schwindelig, und er schwankte. Trotzdem griff er schreiend an. Sein Schwert durchtrennte eines der acht Spinnenbeine. Das Tier brüllte bis Djarrets Ohren klingelten. Er sprang auf den Rücken der Spinne und bohrte seinen Dolch in den harten Chitinpanzer. Vergeblich versuchte die Spinne den Reiter abzuwerfen. Gleichzeitig biss sie wild um sich. Ihre scharfen Mandibeln schnitten durch das Fleisch der Kämpfenden. Djarret fand einen Spalt, der groß genug für sein Schwert war. Mit aller Kraft rammte er die Schwertspitze in den Körper der Spinne, legte sein ganzes Gewicht in den Schlag und drückte so fest er konnte. Gelbes Blut drang aus dem Loch und ließ seine Hände rutschig werden. Die Spinne stieß einen Laut aus, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Zuckend fiel sie auf die Seite. Er riss das Schwert aus der Wunde und sprang ab. „Weg hier!”

Seine Männer folgten ihm, so gut sie konnten. Die, die nicht schnell genug waren, wurden in wenigen Sekunden von den Kindern der Spinne mit Spinnenseide überzogen. Djarret hatte das erwartet. Er trieb seine Männer zur Eile, aber die Spinnen folgten ihnen nicht. Sie hatten genügend Männer erwischt. Ihre Vorratskammer war gut gefüllt.

Keuchend rannte die kleiner gewordene Schar den Bergen entgegen. Einer der Männer trug noch immer den Magier. Schließlich befahl Djarret seinen Leuten anzuhalten. Sein geübtes Auge erfasste die Verluste schnell. Acht Männer fehlten. Er rief den Späher zu sich. Ein solches Versagen war nicht zu tolerieren. Seine Männer kannten die von Ceres vorgegebene Strafe. Gehorsam trat der Mann vor.

Djarrets Stimme klang so eisig, wie die Kälte zwischen den Welten. „Es war deine Aufgabe, uns vor solchen Gefahren zu warnen. Ceres wird nicht erfreut sein, über dein Versagen.”

Der Späher beugte sich entschuldigend vor. „Verzeiht, Herr!” Er faltete die Arme vor der Brust und wartete ohne Angst auf die Bestrafung. Djarret zog seinen Dolch aus der Scheide und trennte die Silberplättchen von der Lederrüstung des Spähers. Anschließend schnitt er eine Kerbe in sein Ohr. Blut schoss heraus und mischte sich auf Djarrets Mantel mit dem gelben Blut der Spinne. Keiner seiner Männer wagte es, auch nur ein Wort zu sagen.

Djarret sprach die vorgeschriebenen Worte. „Sohn einer Hündin, du bist es nicht Wert zu Ceres Wölfen gezählt zu werden. Lass dich vor mir nicht wieder sehen.“

Die Augen des Mannes funkelten vor Wut über diese Herabwürdigung, aber er schlich gehorsam ans Ende der Gruppe.

„Ich erwarte, dass solche Fehler nicht noch einmal vorkommen!” Er bestimmte zwei neue Späher. Wenig später war die Gruppe wieder unterwegs.

***

Die alte Kirsche erholte sich langsam, denn  die Hexe war mehrere Tage nicht mehr erschienen. Zaghaft reckte die Kirsche ihre Wurzeln, suchte Wasser und Nährstoffe. Mühsam schob sie Stamm und Krone ein Stück weiter aus dem Schatten des Waldes. An der Spitze ihrer entstellten, gequälten Krone entfalteten sich zaghaft zwei Blättchen und streckten sich dem Himmel entgegen. Sonnenhell leuchtete das Gesicht des Mädchens im Herzen der Kirsche. Sie fühlte sich warm und geborgen. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange auf ihre Rettung warten musste. Jeder Tag brachte das Mädchen ein Stück näher. Die Kirsche spürte es in ihren Ästen. Ihre Blütezeit stand kurz bevor, und sie freute sich darauf.

***

Um Zeit zu sparen, trug der Drache am nächsten Morgen Melissa auf seinem Rücken und ihr Pferd in seinen Pfoten in die Nähe von Lysandes Haus. Er setzte beide auf einer Lichtung ab, weil er im dichten Wald nicht landen konnte.

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