Teil 39

Es hatte viel Geduld und Zureden gekostet, bis Melissas Pferd dem Drachen glaubte, dass er es nicht mit seinen Klauen durchbohren würde. Nach dem Flug verkündete es wiehernd, dass es nie wieder fliegen würde. Den restlichen Weg zu Lysandes Heim schmollte es, so dass Melissa niemanden zum Reden hatte. Aber das störte sie nicht. Sie beobachtete wie die Sonne die ersten Strahlen durch das Blätterdach warf und kuschelte sich tief in ihren warmen Mantel. Schließlich sah sie das weiß getünchte Haus durch die Bäume schimmern, und wenig später ritt sie auf den Hof.

Lukas greift Melissa an

Lukas greift Melissa an

Ein weißer Federball stürzte sich auf sie. Das Pferd wieherte und stieg. Melissa plumpste auf den Boden, wie ein nasser Mehlsack. Während das Pferd davon galoppierte, stürzte sich der weiße Rabe erneut auf Melissa. Im letzten Augenblick konnte Melissa ihre Augen mit dem Arm vor Lukas scharfem Schnabel schützen. Im Vorbeiflug hackte der Rabe eine Wunde in ihren Arm. Er gewann an Höhe, wendete und setzte zu einem weiteren Sturzflug an.

„Lukas, lass das! Lysande schickt mich.” Melissa streckte die linke Hand in die Höhe, an der ein großer Rubinring funkelte. „Sieh her. Sie hat mir sogar ihren Ring ausgeliehen.”

Der Rabe unterbrach seinen Angriff, kreiste aber weiter. Melissa stand auf, klopfte sich den Dreck aus ihrem Reisekleid, hob ihren Mantel auf und betrachtete die Wunde an ihrem Arm. Sie schmerzte, war aber ungefährlich.

„Das war nicht besonders nett”, rügte sie Lukas. „Dabei bin ich nur gekommen, damit du mir helfen kannst, die Sprechenden Bäume zu finden.”

Der Rabe krächzte. „Ich frag mich wieso sie dir vertrauen sollte.”

„Wir haben eine Vision geteilt. Fliegst du bitte durch den Wald und holst mich, wenn du einen Sprechenden Baum gefunden hast?”

Lukas setzte sich hoch oben auf den Ast eines Baumes, legte den Kopf schief und starrte Melissa an, wie nur Raben starren können. Seine tiefschwarzen Knopfaugen prüften Melissa. „Du kannst mich verstehen?”

„Bitte, du musst mir helfen.”

„Warum sollte ich? Noch vor kurzem hat meine Herrin dich als den Schwarzen Schatten erkannt.”

„Lysande hat sich geirrt. Der Schwarze Schatten, den sie gesehen hat, ist einer von Ceres Männern auf der Suche nach Korosadja. Und den habe ich.”

„Zeig her!” Lukas hüpfte ein paar Äste tiefer und bestaunte den Stein, den Melissa in die Höhe hielt. „Das ist wirklich Korosadja”, krächzte er.

Melissa nickte. „Wäre ich einer von Ceres Leuten, wäre ich längst unterwegs, zurück zu meinem Herrn. Dass ich hier bin zeigt, dass ich nicht zu seinen Dunkelkriegern gehöre.”

Lukas krächzte unschlüssig. Er hüpfte hin und her, hinab und wieder hinauf. „Na gut, ich helfe dir.” Er breitete die Schwingen aus und flog über das Dach des Hauses hinweg.

Da es noch immer kühl war, zog Melissa den Mantel wieder an bevor sie Lukas folgte. Sie ging über den Hof und entdeckte einen schmalen Weg aus Natursteinplatten, der links am Haus vorbeiführte. Bald stand sie im Garten hinter dem Haus. Einige Reihen Gemüse, eine Kräuterspirale, etwas Salat und eine handvoll mickriger Obstbäume waren alles, was im Schatten des Waldes überlebte.

„Man müsste die Lichtung vergrößern, damit die Pflanzen mehr Sonne abbekommen”, sagte sie zu Lukas.

Der Rabe lachte krächzend. „Was meinst du, was Lysande die letzten zehn Jahre versucht hat? Wie bist du übrigens am Haus vorbei gekommen?”

„Auf dem Weg. Warum? Hätte ich den nicht benutzen dürfen?”

Lukas klapperte vor Vergnügen mit dem Schnabel. „Du musst einen starken Abwehrzauber besitzen. Lysande hat ihren stärksten Bann ums Haus gelegt. Nicht, dass das viel heißt.”

„Das klingt so negativ. Magst du Lysande nicht?”

„Sie ist meine beste Freundin! Nur eine begabte Hexe ist sie nicht.”

„Ich halte sie für begabt. Sie hat mich sogar in eine ihrer Visionen mitgenommen.”

„Oh ja, ihre Visionen sind fantastisch. Aber der ganze traditionelle Kram mit Abrakadabra und Hokuspokus liegt ihr nicht. Ich nehme an, du hast nichts gemerkt, als du durch ihren Schutzzauber getrampelt bist, oder?”

Melissa schüttelte den Kopf. „Korosadja beschützt mich. Wenn ich erst weiß, wie man ihn richtig benutzt, kann ich ihn zu unser aller Schutz einsetzen. Flieg los und lass uns einen der Bäume suchen.” Insgeheim staunte sie, welche Fähigkeiten Korosadja ihr schon jetzt verlieh.

Lukas legte den Kopf schief. „Ich bin ziemlich schnell. Wie willst du mir da folgen?”

„Da du mein Pferd verjagt hast, kannst du es suchen, und ich werde so lange zu Fuß gehen. Du musst eben ab und an auf mich warten.”

Lukas krächzte seine Zustimmung und schoss über die Wipfel davon.

Melissa folgte ihm, so schnell sie konnte. Sicherheitshalber nahm sie Korosadja aus ihrer Gürteltasche und hielt ihn in der Hand.

Sie war sich sicher, dass er sie auch in der Tasche vor jeder Gefahr schützen würde, wollte aber kein Risiko eingehen. Schließlich hatte Reginald sie gewarnt.

***

Djarret lehnte sich gegen den mächtigen Stamm des Baumes, unter dem er saß. Die Morgensonne warf tanzende Lichter durch das Blätterdach auf den moosigen Waldboden. Er schob sich ein Stück Trockenfleisch in den Mund und kippte einen Schluck Wasser hinterher.

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