Teil 4

Mürrisch klappte Melissa das Buch zu und griff nach ihrem Strandkleid. Nur noch zwei Jahre, dann bin ich weg von hier. Sie wünschte sich nichts sehnlicher. Sie sah zu ihrem Onkel hinüber, der die letzten Handtücher in die Strandtasche stopfte.

Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. „Du kannst ja im Hotel weiter lesen.”

Melissa nickte stumm. In Gedanken noch immer bei der Geschichte, knöpfte sie ihr Kleid schief zu.

Freya bohrte ihr einen Ellenbogen in die Rippen. „Nun konzentrier dich mal. Man könnte ja meinen, du wärst dumm.”

Melissa presste die Lippen aufeinander und öffnete die Knöpfe wieder.

Freya disaprovesIhre Tante bückte sich und hob das Buch auf. „Was liest du überhaupt schon wieder.” Sie blätterte ein wenig. „Das ist ja immer noch Fantasy!”

Melissa konnte ihre Abneigung fast körperlich spüren.

Herbert mischte sich ein. „Nun lass das Kind mal in Ruhe. Lesen bringt sie wenigstens auf andere Gedanken.”

Melissa warf dem Onkel einen dankbaren Blick zu, aber ihre Tante war noch nicht fertig.

Mit einer ruckartigen Handbewegung drückte sie Melissa das Buch in die Hand und stemmte die Fäuste in die knochige Hüfte. „Sie ist sechzehn, Herbert. Und Vollwaise!”

„Na und?”

„Sie flüchtet in eine Traumwelt. Dabei muss sie dringend lernen, der Realität ins Auge zu sehen. Wenn sie weiter diesen Schund liest, kann sie Realität und Fantasie bald nicht mehr auseinander halten.”

„Ich glaube, da müssen wir uns keine Sorgen machen.”

Melissa faltete ihr Handtuch zusammen und verdrängte den Streit ihrer Verwandten. So ging es jeden Tag, seit sie bei den beiden eingezogen war. Sie hatte gelernt, sich rauszuhalten. Hier war sie nicht Melissa, die geliebte Tochter. Hier war sie entweder „das arme Kind”, oder „Fräulein Taigh”. Wenn sie für „Fräulein” das englische „Miss” einsetze, klang ihr Name wie mistake, das englische Wort für Fehler. Und so fühlte sie sich auch. Sie war der Fehler, den ihre Tante nicht korrigieren konnte, denn für Melissa gab es keinen Weg zurück nach Hause. Melissas Herz zog sich zusammen, wenn sie an ihre Familie dachte. Zu Hause durfte ich lesen, was ich wollte. Zu Hause …

Sie biss sich auf die Unterlippe, um sich zu beherrschen. Sie wollte nicht mehr weinen. Immerhin war seit dem Unfall schon fast ein Jahr vergangen. Sie schluckte und blinzelte, aber ein paar Tränen ließen sich nicht unterdrücken. Sie wischte sie ab und hoffte, dass niemand etwas gemerkt hatte. Dann sah sie zu ihrem Onkel und ihrer Tante, aber die beiden stritten immer noch. Also setzte sie sich neben die Strandtasche, öffnete ihr Buch wieder und las weiter. Plötzlich wurde es ihr aus der Hand gerissen und flog in hohem Bogen durch die Luft.

„Ich hab gesagt, du sollst das nicht lesen”, keifte Freya.

Melissa sah, wie das Buch ein Stück weiter oben am Steilhang im Gebüsch landete. Sie versuchte sich die Stelle zu merken. Es war nicht das erste Mal, dass ihre Tante eines ihrer Bücher weggeworfen hatte.

Freya packte Melissas Oberarm und zog. „Steh auf.”

Melissa seufzte und stand bewusst langsam auf. Sie wusste, wie sie ihre Tante ärgern konnte. Halb aufgerichtet blieb sie stehen und sah sich nach ihrem Onkel um. Unter dem Sonnenschirm waren seine dürren Beine und die bunte Strandtasche das einzige, was von ihm zu sehen war. Melissa erkannte ihn trotzdem. Er hatte die Treppe am Steilhang beinahe erreicht.

„Ein wenig schneller, bitte”, sagte Freya.

Obwohl sie wusste, dass sie ihre Tante rasend wütend machte, bewegte sich Melissa noch langsamer.

Freya holte aus. Es klatschte und Melissas Wange brannte. Die Stimme ihrer Tante war wuterfüllt. „Marsch, ab mit dir ins Hotel. Und zwar dalli!”

Melissa gehorchte wortlos. Sie ballte die Hände zu Fäusten und rannte so schnell sie konnte ihrem Onkel nach, der gerade das obere Ende der Treppe erreicht hatte. Zügig stieg sie ihm nach, als ihr einfiel, dass sie das Buch extra für die Ferien in der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Ich muss zurück und es unbedingt holen. Hoffentlich findet es in der Zwischenzeit keiner.

Hinter sich hörte sie die Tante auf den ersten Stufen der Treppe keuchen. Deshalb lief sie schneller. Oben auf der Klippe angekommen, bog sie auf den Weg ein, der zum Parkplatz und zur Haltestelle der Dampflok führte. Sie liebte das kühle Dämmerlicht des Waldwegs. Mit geschlossenen Augen atmete sie tief durch. Langsam beruhigten sich ihre Gedanken wieder. Ich sollte mich mit Freya vertragen, dann lässt sie mich das Buch sicherlich holen. Sie drehte sich um, um auf ihre Tante zu warten. Plötzlich prallte ein Junge gegen sie und stolperte.

„Pass doch auf”, rief der Junge und rannte weiter.

Melissa sah ihm verdutzt nach. Dann erst bemerkte sie eine Gruppe Menschen, die sich auf dem Weg versammelt hatte. Sie ging zu ihnen und drängelte sich neugierig nach vorne. Auf dem Pfad lag ihr Onkel wie ein gefällter Baum. Ein Mann in blauer Badehose hatte ihn auf die Seite gedreht und fühlte seinen Puls.

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One response to this post.

  1. Wow. Ihr macht das echt toll. Die Geschichte kenn ich ja nun schon, aber ich komme trotzdem regelmäßig vorbei, um die tollen Zeichnungen zu sehen. Da kann man das ja schon Glück nennen, dass ich abgesprungen bin. Sie zeichnet echt viel besser, und das in dem Alter. Respekt nochmal.
    Ich mag den Zeichenstil total.

    Liebe Grüße,
    Laura

    Antwort

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