Teil 41

Er schickte Kugarr mit zehn Männern nach rechts und winkte Servan nach links. Der Jäger schlich mit weiteren zehn Männern fort. Als Djarret sicher war, dass alle ihre Stellungen eingenommen hatten, nickte er Jagumet zu, der als Bote bei ihm geblieben war. Der Jäger setzte sein Horn an und gab das vereinbarte Signal. Djarret und seine Männer stürmten los. Einen Herzschlag später tropfte das erste Blut aufs Schlachtfeld.

***

Melissa rannte den staubigen Pfad zwischen den Beeten entlang und durch das moosige Gras unter den Obstbäumen. Schade, dass die Bäume so traurig aussehen. Eine Kirsche, die mehr tot als lebendig wirkte, zog ihren Blick auf sich. Die sollte Lysande absägen und eine neue Kirsche pflanzen.

„Alles nur das nicht!” Die Stimme klang wie das Rauschen von Blättern im Wind.

Melissa stolperte über ihre eigenen Füße. Sie fiel der Länge nach ins Gras. Den Aufprall merkte sie nicht, denn ihr wurde schwarz vor Augen. Als ihre Hand auf dem Boden aufschlug sprang Korosadja heraus und versank in einem Moosbüschel.

***

Melissa schreckte hoch. Sie saß auf dem durchgesessenen Beifahrersitz des alten VW-Käfers, die nackten Füße aufs Armaturenbrett gestemmt. Neben sich sah sie das sommersprossige Profil ihrer Mutter. Die Sonne schien durch das Seitenfenster und brachte ihr rotes Haar zum Leuchten. Melissa sah hinter sich. Das Brüderchen war in seinem Kindersitz eingeschlafen.

Melissas Mutter

Melissas Mutter

„Mama?” Melissa streckte eine zitternde Hand aus und berührte den Arm ihrer Mutter. Er fühlte sich warm und wirklich an. Hatte sie den Unfall und das Leben bei Tante Freya und Onkel Herbert nur geträumt? Die Erlebnisse mit dem Zauberstein kamen ihr plötzlich unwirklich vor.

„Was ist, mein Schatz?” Das wohlbekannte Lächeln beruhigte Melissas klopfendes Herz, aber ein Kloß im Hals hinderte sie am Reden. Schließlich krächzte sie: „Fahr vorsichtig, ja?”

„Mach ich doch immer”, antwortete ihre Mutter. Singend und lachend fuhren sie die Bergstraße hinauf. Vor ihnen fuhren mehrere Wagen, die wegen der vielen Kurven den vor ihnen fahrenden LKW nicht überholen konnten. Je länger die Fahrt dauerte, desto mehr entspannte sich Melissa. Es war wohl nur ein Traum. Sie sah ihre Mutter an.

Als sie die Bergkuppe hinter sich gelassen hatten, sagte die Mutter: „Lasst uns ein bisschen Musik hören.” Sie streckte die Hand nach dem Radio aus und trat so heftig auf die Bremse, dass Melissa nach vorne geschleudert wurde. Der Sicherheitsgurt presste die Luft aus ihren Lungen und ihre Füße stießen gegen die Windschutzscheibe, die krachend zerbarst. Die Kühlerhaube des Käfers bohrte sich in das Heck des Wagens vor ihnen. Blech knirschte und schrie gequält.

Totenstille für den Bruchteil einer Sekunde.

Bitte nicht, dachte Melissa. Nicht noch einmal.

Der Aufprall hatte ihre Mutter gegen das Lenkrad geschleudert. Japsend befreite sie sich aus dem Sicherheitsgurt und schnallte Melissa ab. „Steig aus, Melissa! Schnell!” Die Stimme der Mutter klang drängend, als ahne sie was kommen würde. Zeitgleich schrie der Kleine aus Leibeskräften.

Ich muss doch etwas tun können. Melissa kämpfte mit der Tür, die sich durch den Aufprall verzogen hatte. Endlich im Freien wollte sie um das Auto herumgehen und ihrer Mutter helfen, aber ihr Körper reagierte nicht. Auf Händen und Knien krabbelte er vom Auto weg, die Böschung neben dem Fahrbahnrand hoch. Alles war wie beim letzten Mal. So sehr Melissa sich auch anstrengte, etwas ändern wollte, sie konnte ihren Körper nicht daran hindern, durch das Gras zu kriechen. Deutlich spürte sie das Kitzeln der Grashalme an ihren nackten Fußsohlen. Hinter sich hörte sie die Mutter über den Sicherheitsgurt des Kindersitzes fluchen, der schon seit Monaten nicht mehr richtig funktionierte. Und noch ein Geräusch zerriss die Stille: das Quietschen von Gummi auf Asphalt. Melissa wirbelte herum und sah den LKW. Unaufhaltsam rutschte er auf den Kleinwagen zu, wo die Mutter immer noch versuchte, das Kind aus seinem Sitz zu befreien.

Melissa schrie!

***

Schlagartig war es still. Verwirrt sah sie sich um. Die Wände um sie herum waren blaugrün und weiß gestrichen, zahlreiche Geräte tickten und piepsten und es stank nach Sauberkeit und Medizin. Eine rundliche Krankenschwester im weißen Kittel saß am Bett eines Patienten und schnarchte leise. Eine graue Strähne hatte sich aus ihrer Haube befreit und hing ihr ins Gesicht. Jeder Atemzug bewegte die Haare.

Es war so ungewöhnlich, eine Krankenschwester am Bett eines Patienten zu sehen, dass Melissa wusste, dass es um Leben und Tod ging. Sie stand wie angewachsen neben der Schwester, weigerte sich aber nachzusehen, wer in dem Bett lag. Zu groß war ihre Sorge, es könnte ihre Mutter sein. Wieso muss ich diese ganzen Sachen sehen.

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