Teil 42

„Damit du lernst.” Die Stimme, die Melissa nur ein einziges Mal gehört hatte, wisperte in ihren Gedanken. „Erinnerungen, Visionen und Fantasien sind nicht leicht von der Realität zu unterscheiden. Manch einer hat beachtliche Kräfte vergeudet, um Dinge zu ändern, die nicht zu ändern sind und dabei Menschen verletzt, die er eigentlich liebt.”

Melissa fühlte sich ertappt und wurde rot. „Wer bist du?”

Ein schrilles Piepen unterbrach sie und riss die Krankenschwester aus ihren Träumen. Sofort drückte die Schwester auf einen Knopf und zog eine Spritze auf. Ärzte und Schwestern stürmten ins Zimmer. Sie schoben einen Defibrillator vor sich her, wie ihn Melissa aus dem Fernsehen kannte.

„Sieh genau hin”, sagte die Stimme. Ein Mediziner hielt die Elektroden in der Hand und wartete ungeduldig, dass sich der Defibrillator auflud. Die anderen bereiteten den Patienten auf die Wiederbelebung vor. Sie schlugen die Decke zurück, rissen das Hemd auf und zogen weitere Spritzen auf. Endlich brachte es Melissa über sich die Person im Bett zu betrachten. Sie erwartete, den Todeskampf ihrer Mutter zu sehen. Stattdessen starrte sie in das eingefallene Gesicht ihres Onkels. Obwohl sie nicht im Weg stehen wollte, konnte sie sich nicht bewegen. Doch niemand nahm Notiz von ihr. Die Retter taten was sie konnten; jeder Handgriff saß, war hundert Mal geübt.

„Halt durch, Onkel Herbert”, flüsterte Melissa. „Bitte stirb nicht.”

Ein Sanitäter rief: „Herzrhythmus normal! Wir haben ihn.” Er drehte sich um und ging direkt durch Melissa hindurch. Sie erstarrte.

Wieder sprach die Stimme zu ihr. „Dies ist echt. Es passiert genau jetzt … In deiner Welt … Dort kannst du noch etwas ändern …”

***

Melissas Herz setzte einen Schlag aus, als sie sich mitten auf einem Schlachtfeld wieder fand. Um sie herum Waffenklirren, schwitzende Leiber, Blut und Tod.

„… oder hier”, fuhr die Stimme fort, als wäre nichts geschehen. „Sieh ganz genau hin.”

„Müssen wir die Orte so schnell wechseln? Mir wird davon ganz schlecht”, sagte Melissa.

„Wir haben nicht viel Zeit, also sieh hin!”

Melissa sah sich gehorsam um. Nicht weit von ihr lehnte ein alter Mann an einem Baum. Melissa konnte sehen, dass sich sein Brustkorb hob und senkte. Er war also nicht tot. Doch sein Gesicht wirkte eingefallen und sehr müde, so als litte er starke Schmerzen. Melissa wollte hingehen und ihm helfen, aber die Stimme drängte sie ins Kampfgewimmel.

Der feindliche Magier

Der feindliche Magier

„Es ist ein Magier in Ceres Diensten. Sieh genau hin, damit du weißt, was er tut.”

Zögernd ging Melissa zwischen den Kämpfenden hindurch. Ihr Herz raste und Schweiß lief ihr in die Augen, während sie versuchte, den Waffen auszuweichen. Zahlreiche Männer mit König Gregors Wappen auf Schild und Brust kämpften mit wenigen Männern in schwarzem Leder. Verblüfft stellte Melissa fest, dass sich die Wunden der Dunkelkrieger noch während des Kampfes schlossen. Die Ränder eines schlimmen Schnitts wuchsen in Sekunden zusammen, und zurück blieb nur eine helle Narbe. Sie sah sich zu dem alten Mann um, der noch immer mit geschlossenen Augen neben dem Baum saß. „Heilt er die Krieger?”

„Ja, aber das ist nicht alles. Sieh dort hinten.”

Melissa reckte sich, um über die Kämpfenden hinwegzusehen. Sie jubelte, als sie den Drachen entdeckte. Er flog einen Angriff, prallte aber mitten in der Luft zurück. Auch ein großer Trupp Kobolde und die Einhörner standen am Waldrand und konnten nicht näher kommen. Etwas Unsichtbares hinderte ihre Freunde daran, in den Kampf einzugreifen.

„Ihr könnt euch glücklich schätzen, dass der Magier so müde ist. Wäre er ausgeruht, könnte er eure schlimmsten Albträume lebendig werden lassen.” Die Stimme klang traurig.

Melissa ballte die Hände zu Fäusten. „Wenn er damit nicht aufhört, werden wir verlieren. Ich muss ihn stoppen.”

Ein Schwert sauste auf Melissa zu. Sie sah es erst, als es ihre linke Seite fast erreicht hatte. Zwar zuckte sie zurück, aber das Schwert fuhr unaufhaltsam durch ihren Oberkörper. Wie in Zeitlupe schnitt die Klinge durch ihre Brust. Melissa starrte den Mann an, der das Schwert schwang und wunderte sich, dass sie keine Schmerzen spürte. Sie sah an sich hinab, aber da war kein Blut. Sie schien hier körperlich genauso wenig anwesend zu sein, wie zuvor in dem Krankenzimmer. Erleichtert atmete sie tief durch.

„Das ist Djarret. Sieh ihn dir genau an, damit du weißt, gegen wen du kämpfst”, sagte die Stimme. Mehr denn je klang sie wie das Rauschen von Blättern im Wind.

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