Teil 43

Djarret war nicht viel älter als sie. Melissa schätzte ihn auf zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre. Unter anderen Umständen hätte sie ihn attraktiv gefunden. Seine kräftigen Oberarme, die breite Brust, der ganze Körper samt Beinen war in schwarzes Leder gewickelt, das zum Teil mit Eisenplättchen besetzt war. Ein mit Silber verzierter Helm verdeckte den größten Teil der schwarzen Haare. Der Rest klebte an der sonnengebräunten, schweißnassen Stirn. Der Blick seiner eisblauen Augen ging durch Melissa hindurch.

„Du hättest mir sagen können, dass mir nichts passieren kann. Ich hatte eine Riesenangst”, sagte sie zu der unsichtbaren Stimme.

„Tut mir leid. Ich vergaß, dass du die Grundregeln gesteuerter Visionen nicht kennst.”

„Können wir jetzt zurück? Bitte.” Melissa hatte die Nase voll von unangenehmen Überraschungen. Außerdem waren ihre Freunde in Gefahr, und sie wollte sie nicht im Stich lassen.

„Nur noch einen Besuch”, säuselte die Stimme.

***

Melissa fand sich am Strand der Ostsee wieder, an dem sie noch vor wenigen Tagen in der Sonne gelegen hatte. Der Vollmond beschien eine Gruppe Männer. Zwei von ihnen schleiften eine leblose Person zu ihrem Anführer. Es dauerte einen Moment bis Melissa das pinkfarbene Strandkleid erkannte.

„Das ist Tante Freya!” Ohne nachzudenken lief sie zu ihrer Tante und griff nach ihrem Arm. Doch ihre Hand fuhr widerstandslos hindurch. „Mist. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen.” Ohne dass die Stimme sie erneut auffordern musste, beobachtete Melissa das Geschehen. Den Anführer erkannte sie sofort. Er wirkte nur etwas frischer, als in ihrer letzten Vision.

„Djarret.” Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Was will er mit meiner Tante? Und warum ist sie nicht im Krankenhaus bei meinem Onkel?”

„Sie hat dich gesucht, weil sie dich liebt.” Durch das Rauschen der Stimme überhörte Melissa, was Djarret zu seinem Magier sagte, aber dessen Antwort bekam sie mit.

„Sie ist mit der Trägerin des Korosadja verwandt.”

Djarret grinste, und seine gefletschten Zähne erinnerten Melissa an einen Wolf. Zu gern hätte sie ihre Tante beschützt. Djarret sagte: „Worauf wartest du, Magier. Verwandle sie in etwas, was sich leichter mitnehmen lässt als eine Frau.”

Nach einem kurzen Wortwechsel legte der Magier seine Linke auf Freyas Arm und murmelte vor sich hin. Melissa bemerkte die Schweißperlen auf seiner Oberlippe.

„Magie scheint ihn anzustrengen”, sagte sie zur Stimme.

„Magie ist nie umsonst. Aber Ceres Magier zahlen einen besonders hohen Preis, wenn sie in fremden Welten zaubern. Sie beziehen ihre Kraft nicht aus der Welt in der sie leben, sondern aus sich selbst.”

Melissa sah den Magier genauer an und entdeckte, dass sich mit jeder Minute neue Falten in sein Gesicht gruben. Er alterte zusehends, während Freya schrumpfte. Sie wurde kleiner und kleiner, ihr wuchs ein Fell und die Ohren wurden größer. Nase und Kinn vereinigten sich zu einer Schnauze. Die Finger krümmten sich zu Krallen und nach wenigen Minuten war aus Freya ein Siebenschläfer geworden. Das kleine Wesen schlief friedlich auf der Handfläche des Magiers. Melissa schauderte. In ein Tier verwandelt zu sein, erschien ihr noch brutaler, als getötet zu werden. Am liebsten hätte sie Djarret an Stelle ihrer Tante in seine eigene Geldbörse gesteckt.

***

Melissa kommt wieder zu sich

Melissa kommt wieder zu sich

Melissa schlug die Augen auf. Sie lag auf dem Bauch unter der verkrüppelten Kirsche. Teile ihrer Visionen flatterten durch ihr Bewusstsein, Wut und Trauer pressten ihr das Herz zusammen. Wie ein Stein scheuerte es in ihrer Brust, als sie an das bleiche Gesicht ihres Onkel dachte oder an die Hilflosigkeit ihrer Tante. Zum ersten Mal seit sie ihre Familie verloren hatte, versuchte sie nicht, den Unfall zu verdrängen.

Sie erinnerte sich an die Feuerwehrleute, die ihren toten Bruder aus dem Autowrack schnitten, und an den Augenblick als sie begriff, dass sie die einzige Überlebende war. Sie spürte die Leere, die seither ihr Leben unerträglich gemacht hatte. Ihr wurde plötzlich klar, dass die Streitereien mit ihrer Tante ein schlechter Weg gewesen waren, die eigene Qual zu verdrängen.

Tränen rannen über ihr Gesicht und tropften von Wange und Nase ins Gras. Mehr und mehr folgten. Sie wuschen die Leere in ihrer Brust davon und linderten den Schmerz. Zurück blieb ein wundes, aber lebendiges Herz. Während Melissa trauerte, registrierten ihre Ohren das Rauschen von Blättern, das mit jedem schluchzenden Atemzug lauter wurde. Doch erst als der schlimmste Schmerz fortgeweint war, erreichte das Geräusch ihr Bewusstsein. Sie blickte nach oben in die Krone der Kirsche, die voll Kraft grünte und blühte.

„Danke Melissa! So lange musste ich auf dich warten. So unendlich lange.” Die Kirsche schüttelte einen Schauer Blütenblätter über sie.

Vor Staunen versiegten Melissas Tränen. „Du bist …Bist du ein Sprechender Baum?”

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