Teil 44

„Das bin ich“, sagte die Kirsche.

Ein Lächeln huschte über Melissas Gesicht, und sie setzte sich auf. Endlich hatte sie die Sprechenden Bäume gefunden. Nun würde sie erfahren, wie sie den Zauberstein einsetzen konnte. „Zeig mir bitte den Zauber von Korosadja. Hilf mir, ihn zu beherrschen.”

„Ich bin nur ein Baum. Zaubern kann ich nicht.”

„Aber ich dachte …”

„Ich kann dir helfen, die Magie zu entdecken, die in dir steckt. Ich kann dich lehren, sie weise zu nutzen. Ich kann dir Dinge beibringen, die die Menschen auf Greenwitch schon lange vergessen haben. Bäume leben sehr lange.”

„Aber was ist mit Korosadja?” Melissa griff in ihre Gürteltasche, um den Stein hervorzuholen, aber er war nicht da. Ihr fiel ein, dass sie ihn vor den Visionen in der Hand gehalten hatte. Sie tastete den Boden ab, konnte Korosadja aber nirgends entdecken.

„Ich muss ihn finden! Wie soll ich ohne Korosadja alles wieder ins Lot bringen?”

„Im Moos! Er liegt im Moos”, wisperte die Kirsche. „Korosadja verschwindet erst, wenn seine Aufgabe erfüllt ist.”

Als sich Melissas Finger um den kühlen, glatten Stein schlossen, war sie erleichtert. Mit schief gelegtem Kopf sah sie die Kirsche an. „Ich habe dich erlöst, oder?”

Melissa in einem Blütenregen

Melissa in einem Blütenregen

Die Kirsche rauschte zustimmend. „Die Tränen wuschen nicht nur deine Qualen hinweg. Ich stehe in deiner Schuld.”

„Dann erzähl mir etwas über Korosadja. Wenn ich nicht schnellstens lerne, wie man ihn benutzt, wird Djarret meine Freunde töten.”

Die Kirsche rauschte, und es klang in Melissas Ohren wie ein Lachen. „Korosadja trägt die Kraft des Wandelns zwischen den Welten in sich. Kein Ort und keine Zeit sind für ihn unerreichbar. Ist dein Wunsch nur stark genug, bringt er dich überall hin.”

Melissas Gedanken rasten. „Heißt das, wenn ich mir wünsche in der Zeit zurück zu reisen, könnte ich meine Mutter retten?”

„Du könntest in der Zeit zurückreisen und es versuchen. Ob du deine Mutter wirklich retten kannst, ist nicht sicher. Ich kenne die Geschichten vieler Träger des Korosadja. Keinem ist es bisher gelungen, Vergangenes zu ändern.”

„Ich werde es wenigstens versuchen.” Melissa schob ihr Kinn nach vorn.

„Ist das weise? Würde deine Mutter nicht sterben, lebtest du nicht bei deiner Tante. Korosadja müsste einen anderen Träger wählen, um Greenwitch zu retten.“ Die Stimme der Kirsche klang besorgt. „Hätte dieser Jemand deine Talente? Würde er die gleichen Freundschaften schießen können wie du?”

„Aber ich habe gar keine Talente.”

„Korosadja wählt seine Träger nicht willkürlich.”

„Ich kann also nicht meine Mutter und meine Freunde retten? Ist es das, was du sagen willst?”

„Diese Frage kann ich nicht beantworten, Kind. Ich weiß zwar viel, aber ich bin nicht allwissend. Klar ist nur, dass Korosadja stets Gründe für sein Auftauchen hat. Du musst entscheiden, was richtig ist. Niemand kann es dir abnehmen.”

Melissa zog die Knie an die Brust, schlug den Mantel um sich und überlegte. Sie starrte Korosadja an und rollte ihn auf ihrer Handfläche hin und her. Die Erinnerung an ihre Mutter und ihren Bruder schmerzte immer noch. Doch die Sorge um ihre neuen Freunde war genauso groß, wie der Schmerz. Melissa seufzte. „Ich wünschte, ich könnte Mutter fragen.”

Korosadja glühte hell und sog Melissas Bewusstsein in sich auf. Überrascht sah sie sich um. Sie war umgeben von einem gelblichen Nebel, der warm leuchtete. Ein Schatten kam durch den Nebel auf sie zu.

„Mama!” Melissa warf sich in die Arme ihrer Mutter, die aus dem Nebel trat.

„Töchting”, sagte die Mutter.

Melissa atmete glücklich den vertrauten Duft ihrer Haut ein. Die Mutter strich ihr übers Haar. Nach einer Weile lehnte sich Melissa zurück und betrachtete das geliebte Gesicht. Überrascht bemerkte sie, dass es sich verändert hatte.

Ihre Tante Freya sah sie an, und ihre Augen baten Melissa um Hilfe. „Ich möchte nach Hause zu Herbert”, sagte sie.

Zum ersten Mal wurde Melissa bewusst, wie ähnlich sich ihre Tante und ihre Mutter sahen. Sie küsste Freyas Wange und öffnete die Augen. Sie saß immer noch in ihren Mantel gehüllt unter der Kirsche. Nachdenklich betrachtete sie Korosadja.

„Du siehst aus, als hättest du eine Entscheidung getroffen”, sagte die Kirsche.

Melissa steckte Korosadja ein und nickte. „Kannst du die anderen Sprechenden Bäume überreden, mir zu helfen? Je mehr Freunde mir gegen Djarret und seinen Zauberer helfen, desto größer wird die Chance, dass wir ihn besiegen.”

„Ich bezweifele, dass wir dir eine große Hilfe sein werden. Zum einen sind wir nicht mehr besonders viele, zum anderen bewegen wir uns sehr langsam.”

Melissa war überrascht. „Die Einhörner haben so ehrerbietig von euch gesprochen, dass ich dachte, ihr wärt ein ganzer Wald.”

„Es gab viel mehr von uns, als der Austausch zwischen den Menschen und uns noch bestand.”

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