Teil 48

„Zeig es mir.” Sie flüsterte so leise, dass es nur Djarret hören konnte. Sie nahm seine Hand und zog seinen Geist mit sich. Dafür brauchte sie die Kraft des Korosadja nicht mehr.

***

Sie standen zwischen ein paar Felsen in einer Wüste aus schwarzem Sand.

Djarrets Augen weiteten sich. „Palumâ.”

Melissa war überrascht, wie entspannt er plötzlich wirkte.

„Hey, das bin ich”, rief er und deutete auf einen vielleicht fünfjährigen Jungen, der am Ufer eines trockenen Baches kauerte. Der Junge hatte den rechten Arm nach hinten ausgestreckt. Er rührte sich nicht.

Melissa wunderte sich über die unbequeme Haltung, bis sie die Schleuder in seiner Hand erkannte. Das Kind war auf der Jagd.

Djarret atmete tief durch. Er sah nicht besonders glücklich aus. „Mutter aller Welten. Ich dachte, diese Jagd hätte ich längst vergessen.”

Melissa deutete auf den schwarzen Sand, der sich in alle Richtungen erstreckte. „Gibt es hier überhaupt etwas zu jagen?”

Djarret zuckte mit den Schultern. „Es gibt Minidrachen, Warzengrumbler und gelegentlich fliegende Satursen. Sieh, dort drüben ist ein Schwarm.” Er deutete auf etwas, das Melissa für Vögel gehalten hatte. Doch bei näherem Hinsehen ähnelten sie eher fliegenden Frettchen.

„Während der Trockenzeit, sind Palumâs Gaben sehr schwer ausfindig zu machen. Selbst den besten Jägern gelingt das oft nur mit Magie.”

Der Arm des Jungen sauste so schnell durch die Luft, dass die Schlinge der Schleuder sang. Melissa hörte den Todesschrei des Warzengrumblers bevor sie das schwarze, hyänenähnliche Tier entdeckte.

„Meinen Glückwunsch”, sagte sie.

Djarret schwieg. Gemeinsam folgten sie dem Jungen und sahen zu, wie er das erlegte Tier fachgerecht ausbluten ließ. Ein bisschen ekelte sich Melissa, aber das ließ sie Djarret nicht merken.

Der junge Djarret jagt

Der junge Djarret jagt

„Das war bis dahin mein größter Fang”, sagte Djarret.

Melissa spürte förmlich, wie er mit den Zähnen knirschte. Der Junge schwang sich das Tier über die Schulter und stapfte durch den schwarzen Sand davon. Sie lächelte, weil der Warzengrumbler beinahe genauso groß war, wie sein Jäger.

Djarret nahm Melissas Arm und zog. „Bring mich sofort zurück in meinen Körper. Du kannst mich töten. Aber du kannst mich nicht zwingen mir das hier noch einmal anzusehen.”

„Das kann ich sehr wohl.” Melissa benutzte ihre neu entdeckten magischen Kräfte und griff nach einer weiteren Erinnerung Djarrets. Sofort standen sie neben dem jungen Djarret in einem schlecht beleuchteten Gang aus schwarzem Sandstein. Die dicken Wände und die winzigen Fenster weckten in Melissa die Erinnerung an eine Burg, die sie einmal mit ihrer Mutter besichtigt hatte.

„Bring mich zurück, oder ich töte dich”, sagte Djarret.

Melissa ignorierte seinen Widerstand, denn er hatte ihrer Magie nichts entgegenzusetzen. Der junge Djarret trug seinen Fang sauber ausgenommen, gewaschen und abgehäutet auf einem großen Holzbrett vor sich her. Melissa wunderte sich, wie schnell sie sich an den Anblick von rohem Fleisch gewöhnt hatte. Sie folgte dem Jungen durch einen Vorhang in ein kleines, helles Zimmer und prallte überrascht zurück. Die beiden Djarrets standen wie erstarrt neben ihr und beobachteten, was geschah.

Auf einem roten Teppich hocke eine junge, nackte Frau. Ihr langes, schwarzes Haar klebte an ihrer Haut und Schweißperlen rannen ihr über Gesicht und Körper. Ihr Atem ging stoßweise. Mit der Rechten umklammerte sie den Arm eines Mannes, der große Ähnlichkeit mit Djarret hatte.

„Das ist die Geburt meines Bruders. Bitte, ich will hier weg”, flüsterte  Djarret. Seine Hände zitterten. Er streckte die Hand nach der Frau aus, die ihn aber nicht sah. Sie schrie vor Schmerzen.

Melissa hielt sich die Ohren zu, denn der Schrei nahm kein Ende. Zwei winzige Beinchen schoben sich dem roten Teppich entgegen. Djarrets Bruder kommt falsch herum. Quälend langsam folgten Po, Rücken, Hals und ein Köpfchen mit schwarzen Haaren.

Der Mann nahm das Kind auf und legte es in die Arme der Frau, die endlich nicht mehr schrie. Der junge Djarret schnappte nach Luft und versuchte, sich zurückzuziehen. Der Mann und die Frau bemerkten ihn gleichzeitig. Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete die Frau den Mund als wolle sie etwas sagen. Ihre Augen weiteten sich. Bewusstlos kippte sie nach hinten über. Ein Schwall dunkelrotes Blut durchtränkte den Teppich. Es dauerte einen Herzschlag bis Melissa begriff, dass Djarrets Mutter im Sterben lag. Ein Blick auf den jungen Djarret und seinen Vater zeigte ihr, dass diese beiden schneller verstanden hatten.

„Mörder!” Die Stimme von Djarrets Vater klang spröde.

Mit einem Aufschrei ließ der Junge seine Beute fallen und rannte aus dem Zimmer. Doch der Stimme seines Vaters entkam er nicht.

„Er hat mich vorher schon nicht gemocht, weil sich bei mir kein magisches Talent zeigte. Aber nach Mutters Tod hat er mich gehasst”, sagte Djarret.

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