Teil 49

„Aber warum?” Melissa sah ihm direkt ins Gesicht, so dass er ihrem Blick nicht ausweichen konnte.

Seine Augen funkelten sie wütend an. „Warum tötest du mich nicht, Hexe? Das wäre leichter zu ertragen als dies. Warum gräbst du Dinge aus, die lange schon vergessen sind?”

„Weil ich dich verstehen will.”

„Da gibt es nichts zu verstehen. Ich habe meine Mutter umgebracht. Na und!” Mit zusammengepressten Lippen sah Djarret zu, wie sein Vater das Baby und seine tote Frau aus dem Zimmer trug.

„Du bist nicht Schuld am Tod deiner Mutter. Steißgeburten sind gefährlich. Besonders ohne die Hilfe einer Hebamme oder eines Arztes.”

„Ich habe etwas Totes ins Zimmer getragen. Das brach den Segenszauber und tötete meine Mutter.”

„Über dem Zimmer lag kein Zauber.” Melissa war sich ganz sicher. „Das hätte ich gespürt. Was wurde aus dem Baby?”

„Kervaal? Den habe ich auch getötet. Aber erst später.”

Das Zimmer veränderte sich unmerklich. Die grob verputzten Wände waren ebenfalls weiß getüncht, aber der Raum war größer und runder. Melissa und Djarret standen vor einem flackernden Kamin.

„Wo sind wir jetzt gelandet?”, fragte Melissa.

„Du bist doch die Hexe.”

„Meine Magie steuert die Vision, aber sie benutzt dabei nach deine Erinnerungen als Ausgangspunkt. Also, wo sind wir?”

Djarret wandte sich von Melissa ab und sagte: „Das ist Vaters Schlafzimmer.” Er starrte schweigend in die Flammen.

In dem Zimmer standen ein Bett mit einem kleinen Nachtschrank und ein Stuhl. Zwei bunte Teppiche schmückten die sonst kahlen Wände. Mehrere in Mauervorsprüngen befestigte Kerzen deuteten eine Gemütlichkeit an, die nicht mit der angespannten Ruhe zusammenpassen wollte, die Melissa in dem Raum spürte. Sie trat auf das Bett zu. Djarrets Vater lag darin, doch er war alt geworden.

Er öffnete die Augen und sah sie an. Mit der Linken machte er ein Zeichen der Abwehr. „Was willst du hier? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.”

Melissa antwortete nicht. Überrascht wich sie bis zum Kamin zurück. Ihr Herz klopfte. Dies war die erste Vision, in der sie jemand bemerkt hatte.

Djarret hatte es aufgegeben das Feuer anzustarren und stand jetzt mit dem Rücken zu den Flammen. Einer der beiden Vorhänge, die Melissa für einen dekorativen Wandbehang gehalten hatte, wurde zur Seite geschoben. Ein junger Mann, der wie eine jüngere Ausgabe Djarrets aussah, betrat das Zimmer und fragte: „Hast du gerufen, Vater?”

Kervaal am Todeslager seines Vaters

Kervaal am Todeslager seines Vaters

Der alte Mann richtete sich mühsam auf. „Setz dich zu mir, Kervaal.”

Kervaal schüttelte seinem Vater das Kissen auf und stopfte es ihm in den Rücken. Dann erst zog er den Stuhl näher ans Bett und setzte sich.

Der Alte sah ihn liebevoll an. „Ich habe die Sendbotin des Einen gesehen. Sie ist so wunderschön wie es deine Mutter war. Noch heute Abend werde ich mit ihr gehen.”

Kervaal biss sich auf die Unterlippe.

„Sieh dir diesen Schleimer an.” Djarret zeigte auf seinen Bruder. Seine Stimme war hasserfüllt. „Es reicht nicht, dass Vater ihn bei jeder Gelegenheit vorzog, nein! Er muss auch noch am Todeslager Theater spielen, um mich schlecht zu machen.”

Melissa schüttelte wortlos den Kopf. Sie erkannte, dass Kervaal wirklich gegen die Tränen kämpfte und auch der Alte bemerkte es.

„Weine nicht um mich, Kervaal. Bald werde ich bei dem sein, dem ich mein Leben geweiht habe. Ich werde an der Brust meiner Mutter ruhen und an der Hand meines Vaters gehen, im zeitlosen Herzen des Einen, der uns alle liebt.”

„Du wirst mir unendlich fehlen, Vater.” Kervaals Stimme zitterte.

„Wo warst du zu dieser Zeit?” Melissa sah Djarret fragend an.

Djarret deutete auf eine der beiden Teppichtüren wo Melissa ein Rascheln hörte. Der Teppich bewegte sich, als stünde jemand dahinter. „Ich war auf dem Weg zu Vater. Ich konnte nicht schneller, denn ich war gerade erst von der Jagd zurück.”

Der Alte nahm Kervaals Hand.

Melissa sah Djarret an. „Warum bist du nicht hineingegangen?”

„Warum sollte ich dir das sagen?” Djarret biss sich auf die Unterlippe.

Melissa lächelte und streichelte Djarret über die Wange. Sein Widerstand war nicht mehr so stark wie zuvor.

Djarret schüttelte ihre Hand ab. „Ich hatte geglaubt, Vater wolle mich sehen, wolle sich vor seinem Tod mit mir aussöhnen. Aber als ich merkte, dass Kervaal schon da war  …”

Melissa betrachtete Vater und Sohn, die schweigend beieinander saßen.

Die Augen des Vaters leuchteten voller Liebe und Stolz. „Ich werde immer bei dir sein. Du bist das Licht meines Herzens. Jetzt ist die Zeit ist gekommen, mein Amt in deine Hände zu legen.”

„Aber Vater, Djarret ist der Ältere”, widersprach Kervaal.

Djarrets Unterkiefer klappte herunter, als könne er nicht glauben, was er hörte.

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