Teil 5

„Herzinfarkt. Wenn er das man überlebt.”

Melissa starrte ihren Onkel an. Sein Gesicht war bleich und wirkte eingefallen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ins Leere. Sein Atem ging schwer und stoßweise.

„Onkel Herbert?” Melissa hatte ihre Stimme so lange nicht benutzt, dass sie nur ein heiseres Flüstern herausbrachte. Sie fühlte sich, als würde ihr Herz von einer riesigen Faust zerdrückt.

Freya drängelte sich durch die langsam wachsende Menschenmenge. „Herbert!” Sie warf sich neben ihrem Mann auf den Boden und versuchte, ihn zu umarmen. „Herbert. Bitte!”

Melissa hörte die Sirene eines Krankenwagens und wich zurück. Dann ging alles ganz schnell. Die Leute wurden von den Sanitätern und dem Arzt zur Seite gedrängt, der Kranke vorsichtig auf eine Trage gelegt, an einen Tropf gehängt und weggetragen. Freya bekam eine Beruhigungsspritze und wurde zu ihrem Mann in den Notarztwagen geführt. Nur einen Augenblick später sah Melissa das Blaulicht zwischen den Bäumen verschwinden.

Sie war wie betäubt. Die Gaffer verschwanden. Niemand kümmerte sich um sie. Erst als sie die bunte Strandtasche und den Sonnenschirm verloren am Wegrand liegen sah, wurde ihr klar, dass sie vergessen worden war. Sie schob die Angst um ihren Onkel in dieselbe verlorene Ecke ihres Herzens, in der auch die Trauer um ihre Mutter und das Brüderchen vergraben waren.

Sie zuckte mit den Schultern. Das Buch fiel ihr ein. So kann ich es eben gleich holen. Sie drehte sich um und stieg die lange Treppe wieder hinunter zum Strand. Die Stelle, an der das Buch gelandet war, war schwerer wiederzufinden, als sie gedacht hatte. Ein Busch sah aus wie der andere. Sie stieg den Hang in engen Kurven immer weiter hinauf. Langsam wurde es dunkler und der Strand leerte sich, aber Melissa hatte keinen Blick für die Pracht mit der die Sonne im Meer versank. Bald hörte sie das schrille Pfeifen der Dampflok, als sie zum letzten Mal von der Haltestelle Steilküste abfuhr. Blödes Buch. Jetzt muss ich zu Fuß zum Hotel gehen. Sie fluchte und suchte weiter. Der Gedanke allein und ohne etwas zu Lesen, im Hotelzimmer zu sitzen und auf eine Nachricht von Freya zu warten, machte ihr mehr Angst, als allein am Strand zu sein. Sie suchte und suchte, aber das Buch tauchte nicht auf.

Ganz wohl fühlte sie sich nicht. Schließlich gab es wilde Gerüchte über das, was die Jugendlichen des Ortes abends am Strand tun würden. Melissas Herz klopfte schneller. Sie bückte sich, um kleiner zu wirken. Falls jemand kam, würde sie vielleicht für einen Busch gehalten. Im Dämmerlicht war das gut möglich. Sie konnte selbst kaum noch etwas erkennen, obwohl es im Sommer nie ganz dunkel wurde.

Ein schwaches Leuchten blitzte zwischen den Büschen auf. Vorsichtig ging sie näher. Da lag ihr Buch, aufgeklappt und mit dem Rücken halb im Sand. Direkt daneben lag ein Stein, der mit schwachem Licht pulsierte. Sie streckte die Hand aus und stupste ihn vorsichtig mit dem Zeigefinger an. Nichts geschah. Er sieht aus, wie ein leuchtender Bernstein.Melissa und der pulsierende Stein Mutig geworden nahm sie den goldbraunen, ovalen Stein in beide Hände. Gibt es so große Bernsteine? Und können sie leuchten? Sie rollte den eiergroßen Stein auf der Handfläche hin und her. Er ist viel hübscher als die Bernsteine, die ich bisher gesehen habe. Was sagte Herbert noch, wie kann ich herausfinden, ob es ein Bernstein ist? Melissa überlegte einen Moment, dann fiel es ihr wieder ein. Mensch ja, Bernstein schwimmt in Salzwasser. Ich brauche ihn nur ins Meer zu legen, dann weiß ich, ob es einer ist. Onkel Herbert wird sich bestimmt freuen, wenn er erst mal wieder aus dem Krankenhaus raus ist.

Sie steckte den Stein in die Tasche ihres Strandkleides zu dem Taschentuch, das sie von ihrer Uroma geerbt hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie der Onkel dem leuchtenden Stein einen Ehrenplatz in seiner Sammlung geben würde. Aber an Stelle seines glücklichen Lächelns sah sie nur das leere Hotelzimmer vor sich, das Bett mit rosa Seidenkleidern bedeckt und die Stühle von halb ausgepackten Koffern blockiert. Sie seufzte.

Ach wäre ich bloß woanders. Es war schwer, nicht an die chaotisch-fröhlichen Ferien ihrer Kindheit zu denken. Die Erinnerungen quälten sie wie Messerstiche. Schluss jetzt, befahl sie sich selbst. Ihr Blick fiel auf das Buch, das noch immer im Sand lag. Ich wünschte ich wäre in einer Fantasy Welt. Dann könnte ich diese hier endlich vergessen. Der Wunsch kam aus tiefstem Herzen.

Melissa streckte die Hand nach dem Buch aus, als sie plötzlich von einem Blitz geblendet wurde. Ihr wurde schwindelig und sie stürzte.

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