Teil 50

Sein Vater sagte: „In Djarrets Adern brennt nicht ein magischer Funken. Niemals kann er der Stellvertreter des Einen sein. Nicht ohne Magie.” Er hustete und legte sich wieder hin.

Kervaal reichte ihm ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. „Aber Vater. Djarret ist ein fantastischer Kämpfer, der geborene Herrscher. Jeder seiner Männer würde für ihn in den Tod gehen.”

Der Sterbende trank gierig. Erst als das Glas leer war, antwortete er. „Er ist gut genug, die Tempel zu schützen. Doch niemals wird er für den Dienst an dem Einen geeignet sein.”

„Er ist dein Erstgeborener.”

„Es ist mein Recht, ihm das Amt zu verweigern, wenn er versagt.”

„Du hast ihn nie geprüft.”

„Djarret hat seine Chance schon bei deiner Geburt vertan. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht zu verstehen, was Magie ist. Nun ist es zu spät. Er hat versagt und ich gebe mein Amt in deine Hände.” Der Alte ließ Kervaal keine Zeit seine Entscheidung weiter anzuzweifeln. Er zog einen Ring vom Mittelfinger seiner rechten Hand und streifte ihn über den rechten Mittelfinger seines Sohnes.

„Du bist vom Einen auserwählt, warst behütet und geborgen wunderbar. Sei nun Beschützer und Behüter darselbst für deine Welt. Palumâ wartet auf dich, willst du dich ihr verweigern?”

Melissa spürte die Magie hinter den wenigen rituellen Worten, mit denen er das Schicksal seiner Söhne besiegelte.

Kervaal räusperte sich mehrmals. Die magischen Ströme zupften an Melissas Nerven. Wie im Traum sah sie, dass der Alte zusammensank und das Bewusstsein verlor.

Kervaal sprach mit rauer Stimme. „Ich folge und gehorche dem Einen. Ich behüte und beschütze alle Kinder Palumâs.” Seine Antwort besiegelte den Zauber, und Melissa spürte, wie die Energie aus dem alten in den jungen Mann strömte. Als die magische Energie abebbte, seufzte Djarrets Vater noch einmal und starb.

Der Türvorhang wurde beiseite geschoben und ein Mann kam herein, der Kervaal so ähnlich war wie ein Zwillingsbruder. Es war Djarret.

„Was war ich für ein Idiot! Ich dachte Kervaal hätte Vater überredet, ihn zum Herrscher über Palumâ zu machen. Sieh nur, wie dumm ich mich benommen habe, weil ich hinter dem Vorhang kaum ein Wort verstand.” Er deutete auf sein jüngeres Selbst, das mit geballten Fäusten in der Mitte des Raumes stehen geblieben war.

„Dann sollte ich dir wohl gratulieren, Bruder”, sagte der junge Djarret.

Melissa spürte den Schmerz und die Wut in seinen Worten, als hätte er sie herausgeschrieen.

Kervaal sprang auf. Melissa hatte das Gefühl, das er seinen Bruder gerne umarmt hätte. „Djarret! Wo kommst du denn her.”

„Man sagte mir, Vater läge im Sterben. Ich sehe, dass du schneller warst als ich. Meinen Glückwunsch. Doch lange wirst du dich nicht an meinem Amt erfreuen können.”

„Ich habe versucht, Vater umzustimmen, aber er hat mir nicht zugehört.”

„Oh ja, dir werden alle glauben!” Djarret wandte sich zum Gehen. Er würdigte seinen Vater keines Blickes, und auch Kervaals versöhnliche Worte ignorierte er.

Melissa sah ihm nach, wie er durch den Vorhang verschwand. Sie spürte die Kälte, die sein Hass hinterließ. Da hat es also angefangen. Das Bild der Vision verschwamm.

„Ich möchte zurück”, sagte Djarret. „Es gibt vieles, über das ich nachdenken muss. Bitte, Hexe.”

Beinahe wäre Melissa seinem Wunsch nachgekommen, doch sie spürte, dass es noch nicht genug war. Gab es noch etwas, was Djarret daran hinderte seinen Hass abzulegen? Sie schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass wir schon fertig sind.”

Wieder veränderte sich das Zimmer, wurde größer und größer. Schließlich standen Melissa und Djarret in einem Saal, dessen gewölbte Kuppel von mehreren Säulen getragen wurde. Auch hier dominierten weiß getünchte Wände und bunte Teppiche den Raum. Mehrere großzügige Fenster gaben den Blick frei auf eine dicht besiedelte grüne Landschaft mit schwarzen Bergen im Hintergrund.

„Du bist ein Monster”, zischte Djarret. „Ach was, Monster sind freundlicher als du!”

Auf einem Podest stand ein geschnitzter und vergoldeter Thron aus Holz, auf dem Kervaal saß. Er wirkte angespannt und war sehr blass. Vor dem Podest knieten zwei Männer in der Lederuniform der Dunkelkrieger flankiert von mehreren Bewaffneten.

„Das dort war mein bester Freund.” Djarret deutete auf den linken der beiden Gefangenen. „Ohne Kervaal würde er heute noch leben.”

Ein Mann in weiten, bunten Gewändern las aus einer Schriftrolle vor. „Soweit die von uns gesammelten Beweise. Die Hohepriesterin Durimeh übergibt den Verräter und seinen Helfer Eurem Urteil, Kervaal von Palumâ. Straft sie nach Eurem Recht, aber lasst keine Milde walten.”

Die beiden Angeklagten hoben den Kopf und sahen Kervaal an. In einem von ihnen erkannte Melissa Djarret. Der andere, den Djarret als seinen Freund bezeichnet hatte, jagte ihr Angst ein. Seine schwarzen Augen flackerten in wildem Feuer.

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