Teil 51

Er strahlte einen Hass aus, der den von Djarret um einiges übertraf. Seine Stimme klang schrill. „Wenn ihr uns nicht frei lasst, wird Ceres diese Feste schleifen. Eure Gebeine und die eurer Frauen und Kinder werden Aasfressern als Nahrung dienen.”

„Wer ist Ceres?” Kervaal sah seinen Berater an.

„Ein Kriegerkönig. Ein Emporkömmling aus einer anderen Welt. Die Hohepriesterin kümmert sich bereits um ihn.”

„Ich verstehe. Nun, so hört mein Urteil: Der Verräter wird im Morgengrauen erhängt, bis dass er tot ist. Sein Helfer …” Kervaals Stimme zitterte leicht, was aber niemand zu merken schien. „… bekommt hundertfünfzig Stockschläge auf jede Fußsohle.”

Der junge Djarret wurde bleich. „Wir sind Brüder, Kervaal. Lass uns gehen.”

Kervaal schüttelte den Kopf.

Djarrets Augen zogen sich zu engen Schlitzen zusammen. „Dann lass mich wenigstens neben meinem Freund hängen. Durch Schläge zu sterben, ist unehrenhaft.”

Kervaal beugte sich etwas vor und sah Djarret tief in die Augen. „Du wirst nicht sterben, das verspreche ich dir.” Er winkte seinen Wachen, die die beiden Verurteilten an den Armen packten und aus dem Thronsaal schleiften.

„Nieder mit den Tyrannen. Tod allen Magiern”, kreischte der Verräter, und Djarret rief: „Gleiches Recht für alle. Nieder mit der Magie!”

Als sie verschwunden waren, sagte Kervaal zu seinem Berater: „Komme ich damit durch, beide heimlich gehen zu lassen?”

„Niemals, Herr. Durimeh hat einen Beobachtungszauber und einen Todesbann auf den Verräter gelegt, um sicher zu gehen, dass er nicht überleben wird.”

„Auch auf meinen Bruder?”

„Nein. Er ist nur ein kleiner Fisch im Heer des Ceres.”

„Gut!” Kervaals Gesicht gewann an Farbe. „Lass den Galgen aufstellen. Wir wollen Durimeh nicht enttäuschen. Und schick mir den Hauptmann der Wache und den Koch.”

Der Berater verneigte sich und ging.

Wenig später standen die angeforderten Personen vor Kervaal. Er besprach die Henkersmahlzeit des Verräters, und der Koch verschwand.

Kervaal wandte sich an den Hauptmann. „Du wirst heute Nacht die Uniform des Verräters anziehen und meinen Bruder befreien. Gib ihm ein gutes Pferd und genügend Proviant für eine Woche. Verwische seine Spuren magisch. Ich will nicht, dass jemand erfährt, wie er entkommen konnte. Nicht einmal er selbst soll es wissen.”

Der Hauptmann verneigte sich und ging.

Djarret starrte seinen Bruder mit offenem Mund an. Eine Träne rollte über seine Wange.

Melissa lächelte. Zum ersten Mal spürte sie die Gefühle, die Djarret unter jahrelangem Hass vergraben hatte. „Na, hat er dich schon wieder überrascht?”

„Kervaal hat mir das Leben gerettet, und ich wollte nur Rache.”

„Du dachtest sicherlich, Ceres hätte den Mann geschickt.”

„Ist doch egal. Tatsache ist, dass ich meinen eigenen Bruder umgebracht habe. Einen Bruder, der sich mehr für mich einsetzte, als es mein Vater je getan hat!” Djarret sah aus, als wäre er geschlagen worden.

Melissa wollte die Vision beenden, aber er packte ihren Arm. In seinen Augen flackerte etwas, das ihr Angst machte. „Willst du sehen, wie ich wirklich bin, was ich bin? Bring uns ein paar Jahre weiter.”

Melissa ließ ihrer Magie freien Lauf, aber der Raum veränderte sich nicht. Noch immer waren sie in Kervaals Thronsaal. Doch ein Blick aus dem Fenster verriet Melissa, dass viel Zeit vergangen sein musste. Wo sie zuvor grüne Wiesen, Felder und Häuser bewundert hatte, gab es jetzt nur noch schwarze Erde und verbrannte Ruinen. Kervaal sah müde und alt aus. Er war im Gespräch mit seinem Berater.

„Die Lebensmittel gehen uns aus, Herr, und Ceres Truppen sehen nicht so aus als würden sie die Belagerung bald abbrechen”, sagte der Berater. „Das Volk murrt. Sie wollen einen Herrn der Wesen ruft, die Ceres Armee gewachsen sind.”

Kervaal setzte sich gerade hin. „Nur Dämonen wären in der Lage, diese Armee zu besiegen. Doch niemals werde ich, der Stellvertreter des Einen, mich dazu herablassen, Dämonen zu rufen.”

Der Berater verneigte sich. „Ich überbringe euch nur die Wünsche des Volkes.” Etwas in seinem Tonfall ließ Melissa aufhorchen.

Kervaal strich sich müde über die Augen. „Wir werden Ceres standhalten, solange es nötig ist. Ich habe Durimeh um Hilfe gebeten. Sie ist sicher schon unterwegs.”

Djarret stellt sich seinem Bruder ein letztes Mal

Djarret stellt sich seinem Bruder ein letztes Mal

„Die Macht Durimehs schwindet. Wir sollten überlegen, uns Ceres Armee anzuschließen. Wie schnell hat ein Verräter eine Tür geöffnet. Ihr könnt nicht alle überwachen, die bei uns Zuflucht gesucht haben, Herr.”

Kervaal kam nicht mehr dazu zu antworten. Die Türen des Thronsaals sprangen auf. Djarret und zwei weitere Männer kamen mit gezogenen Schwertern herein. Aus anderen Räumen klang gedämpfter Kampflärm.

„Nun, Bruder, du hast sicherlich nicht erwartet, mich wiederzusehen.”

Kervaal stand auf und streckte die Arme nach Djarret aus. Melissa kam er glücklich vor, aber sicher war sie sich nicht. Zu schnell änderte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Augen weiteten sich überrascht, als er vorwärts stolperte. Ein Dolch schoss auf Djarret zu.

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