Teil 52

Djarret schwang sein Schwert herum. Mit einem einzigen Schlag wehrte er den Dolch ab. Sein nächster Schlag fuhr durch Kervaals Brust. „Das ist für meinen Freund. Ein Leben für ein Leben!” Er trat den Toten noch einmal in die Seite und verließ den Saal. Wortlos folgten ihm seine Männer.

Melissa sah sich nach Kervaals Berater um, der sich hinter dem Thron versteckt hatte. Er grinste.

Djarret stand neben ihr, und Tränen liefen ihm über das Gesicht. „Warum hat er mich angegriffen? Ich wollte ihn doch nur zur Rede stellen.”

Melissa legte eine Hand auf seinen Arm und deutete auf den Berater, der sich erst jetzt wieder aus seinem Versteck hervor traute.

„Du hättest auf meinen Rat hören sollen, Kervaal. Ceres ist ein besserer Herr als Durimeh.“ Der Berater hob den Dolch auf. „Er wird begeistert sein, wenn ich ihm verrate, wie ich dich umgebracht habe. Erschlagen vom eigenen Bruder. Welch ein Lacher!”

Er hat den Dolch geworfen?” Djarret fasste sich mit beiden Händen an den Kopf.

Melissa nickte. „Und er hat Kervaal geschubst, damit du glaubst, er würde dich angreifen.”

Djarret wankte. Melissa griff nach seinem Arm und stützte ihn. Er schlang beide Arme um sie und weinte. Melissa wusste nicht, was sie machen sollte. Sie hatte noch nie einen Mann zusammenbrechen sehen. Schließlich klopfte sie ihm sanft auf den Rücken und wartete, bis die Tränen versiegten.

*

Unmerklich verblasste Kervaals Thronsaal, und sie standen wieder am Rande des Schlachtfeldes. Der Zauber war abgeklungen, der Djarret hatte erstarren lassen. Melissa hielt den Weinenden etwas steif im Arm, während er schniefend die Tränen mit dem Handrücken abtrocknete.

Er sank ins Gras und zog Melissa mit sich. „Nachdem ich meinen Bruder getötet hatte, war mir alles egal. Es machte mir nichts mehr aus, Ceres Befehle auszuführen, auch wenn ich dabei meine eigenen Leute umbringen musste.“ Er wandte ihr sein tränenüberströmtes Gesicht zu. „Bitte töte mich. Ich kann mit diesem Wissen nicht leben.“

„Ich bin keine Mörderin. Ich wollte nur verstehen, warum du so grausam bist.“ Melissa überlegte, was sie für Djarret tun könnte. Sie ahnte, dass sein Zusammenbruch erst der Anfang einer langsamen Heilung war.

„Niemand kann all das Leid ungeschehen machen, das ich verursacht habe. Man wird mich auf ewig verachten und meinen Namen verfluchen.”

Melissa hatte sie eine Idee. „Du bist jung genug neu anzufangen und dein Leben zu ändern.“ Sie sah ihm in die Augen. „ Was ich jetzt tun werde, wird dir wahrscheinlich nicht gefallen, aber es gibt dir die Zeit und den Neuanfang, den du brauchst. Vertraust du mir?”

Djarret zuckte mit den Schultern. „Selbst eine so mächtige Hexe wie du kann mir nicht helfen. Nur der Tod kann mich erlösen.“

„Das sehe ich anders“, sagte Melissa und sah sich nach den Sprechenden Bäumen um. Die Kirsche stand nicht weit entfernt neben Prinz Victor, der sich von Lysande eine kleinere Wunde verbinden ließ.

„Kirsche. Hier ist jemand, der gerne für eine Weile ein Baum wäre”, sagte Melissa.

„Wunderbar! Mach nur weiter so und wir haben Greenwitch in Null-Komma-Nichts wieder im Gleichgewicht”, sagte die Kirsche. Sie begann den wortlosen Gesang, mit dem schon der Magier zum Baum worden war. Nach wenigen Augenblicken stand eine Trauerweide an der Stelle, an der Djarret gewesen war.

Melissa sah zu den hellgrünen Blättern empor. „Nun hast du drei Jahre Zeit nachzudenken.”

Die Baumkrone rauschte. Es klang zufrieden. „Was geschieht mit meinen Männern?”

„Ich werde sie mit Korosadjas Hilfe nach Hause schicken. Versprochen.”

Lysande griff nach Melissas Arm. „Hey, wie hast du das gemacht?”

„Was?“

„Ihn in einen Baum verwandelt.“

Melissa erklärte Lysande den Austausch zwischen den Sprechenden Bäumen und den Menschen Greenwitchs.

„Sie bringen einem in den drei Jahren wirklich bei, richtig zu zaubern?”

„Ich glaube, dass man nur lernt, seine eigenen Talente bestmöglich zu nutzen”, sagte Melissa.

Lysandes Augen glänzten. „Ich will auch ein Baum werden. Hilfst du mir, wenn du hier fertig bist?”

Melissa nickte.

Prinz Victor packte ihren anderen Arm. „Aber du wirst dich doch nicht in einen Baum verwandeln lassen, oder?“ Sein Blick wirkte besorgt.

Melissa schluckte. „Ich werde mit meiner Tante in unsere Welt zurückkehren. Das weißt du doch.“

Um Victors enttäuschtem Blick auszuweichen, stand sie auf und ging zu ihrer Tante Freya, die neben Reginald im Gras saß und ihm mit einem seltsamen Lächeln die Mähne streichelte.

Reginald ist glücklich

Reginald ist glücklich

Melissa grinste. „Na, Reginald, nun hast du doch ein Opfer gefunden.”

Der Hengst sprang auf und schüttelte die Mähne. „Ich habe sie nicht absichtlich verzaubert. Ehrlich nicht!”

Melissa hätte schwören können, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. „Ist schon gut. Wir kehren jetzt sowieso zurück in meine Welt. Dort kann sie deinem Zauber nicht mehr folgen. Vielleicht vergisst sie ihn eines Tages.”

Sie sah sich noch einmal nach ihren Freunden um. Ihr Herz zog sich zusammen, als ihr klar wurde, dass sie sie nie wieder sehen würde. Ich will nicht zurück! Ich will nicht mein ganzes Leben ohne Magie, ohne Drachen, Spinnen und Einhörner leben. Sie sah ihre Tante an, die immer noch lächelnd am Boden saß. Neben ihr übte Leander das Laufen auf sechs Beinen. Sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu weinen. Ich fühle mich in Greenwitch mehr daheim, als auf der Erde. Warum kann ich nicht hier bleiben.

Warum musst du gehen?, fragte Kirsche in ihren Gedanken. Wer zwingt dich dazu?

Melissa blieb die Luft weg. Natürlich gab es niemanden, der sie zwingen konnte zu gehen. Was ist mit Freya und Herbert? Sie sah ihre Tante an, die lächelnd in den blauen Himmel sah. Mit einem Mal wurde ihr klar, wie sehr sie das Leben ihrer Tante verändert hatte. Dabei muss sie sich jetzt um Onkel Herbert kümmern. Er braucht sie dringend. Sie hockte sich neben Freya und nahm ihre Hand.

Ihre Tante brauchte einen Moment, um sie zu erkennen. „Melissa! Das ist der merkwürdigste Traum meines Lebens. Ist es jetzt Zeit aufzuwachen?”

Melissa nickte. Es fiel ihr schwer, Freya zu sagen, wofür sie sich entschieden hatte.

„Es ist kein Traum, Tante Freya. Ich werde dich jetzt auf die Erde zurückschicken, aber ich werde nicht mitkommen. Hier in Greenwitch fühle ich mich das erste Mal seit Mutters Tod wieder zu Hause.”

Ihre Tante reagierte gelassener, als sie erwartet hatte. „Es ist gut zu wissen, dass du endlich zu dir selbst gefunden hast, mein Kind. Wir werden dich sehr vermissen.”

„Vielleicht lerne ich, wie ich die Erde besuchen kann. Djarret und seine Leute haben mir gezeigt, dass das geht. Aber bis dahin werden wir uns nicht sehen. Ich hoffe nur, dass es Onkel Herbert bald besser geht.”

Freya lächelte. Sie sah dabei gelöst und glücklich aus. Melissa umarmte sie und küsste ihre Wange.

Freya kicherte wie ein junges Mädchen. „Siehst du, es ist nur ein Traum. In einem echten Märchen bekäme ich jetzt das Wasser des Lebens, mit dem ich Herbert gesund machen kann.”

„Das ließe sich machen”, sagte Reginald. „Ich könnte meinen Heilungszauber in ein Fläschchen Wasser oder ein Stück Obst fließen lassen.“

Melissa staunte. „Wirkt dein Zauber denn auch auf der Erde?”

„Dein Onkel wird nicht gleich aus dem Bett springen, wenn er das Obst isst, aber er wird auf alle Fälle gesund.”

 Ein magischer Apfel für Onkel Herbert

Ein magischer Apfel für Onkel Herbert

Zum Glück war bei den Sprechenden Bäumen auch ein Apfelbaum, der ein paar reife Früchte trug. Melissa pflückte den Schönsten, und Reginald füllte ihn mit einer großzügigen Portion Heilzauber. Melissa reichte ihn ihrer Tante und nahm Korosadja aus der Tasche. Sie war mehr als erleichtert, dass der Stein noch nicht verschwunden war. „Bitte bringe Djarrets Männer zurück zu ihren Familien. Am besten wäre es, wenn niemand aus Ceres Armee je erfahren würde, dass sie zurück sind.”

Der Stein glühte auf. Einer nach dem Anderen verschwanden die schwarz gekleideten Kämpfer. Bald war das Schlachtfeld leer.

Melissa hielt die Luft an, aber Korosadja lag noch immer auf ihrer Handfläche. „Nun müssen Tante Freya und der Apfel zurück auf die Erde zu meinem Onkel ins Krankenhaus. Kein Arzt und keine Schwester sollen das Zimmer betreten, bevor mein Onkel den Apfel gegessen hat.”

Freya, drückte den Apfel an die Brust und winkte kurz, bevor sie ebenfalls verschwand. Melissa betrachtete ihre leeren Hände. Zusammen mit ihrer Tante war auch der geheimnisvolle Zauberstein verschwunden. Nun gab es für lange Zeit kein Zurück mehr. Sie dachte an Djarret und daran, dass er in drei Jahren wieder frei sein würde. Es ist gut, dass ich hier bleibe. Es gibt noch so viel zu tun. Sie drehte sich zu ihren Freunden um.

Victor, Lysande, Reginald und Leander starrten sie mit offenem Mund an.

Der Drache blies kleine Rauchwölkchen in den Himmel. „Ich dachte, du wolltest mit deiner Tante nach Hause.“

„Ja, dachte ich auch“, sagte Melissa. „Doch dann habe ich gemerkt, dass ich bereits zu Hause bin.“ Lachen stieg in ihr auf und vereinigte sich mit dem Jubel ihrer Freunde.

Lysande packte ihren Arm. „Worauf wartest du. Lass uns einen Sprechenden Baum suchen.” Sie nahm Melissa an der Hand und zog sie mit sich fort.

ENDE

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