Teil 6

Mit einem Aufschrei rutschte sie den Hang hinunter. Instinktiv schloss sie Mund und Augen, denn die wilde Rutschpartie wirbelte ordentlich Staub auf. Der Sturz dauerte länger, als sie erwartet hatte. Sie wunderte sich. So hoch bin ich doch gar nicht gestiegen. Verzweifelt griff sie nach den Büschen, die um sie herum sein sollten, aber ihre Hände fassten ins Leere. Schließlich landete sie mit den Füßen voran in einem Sandhügel. Sie öffnete die Augen. Die Gegend um sie herum hatte sich stark verändert, und über dem Meer dämmerte der Tag.

***

Djarret auf der JagdZur gleichen Zeit, in der Dunkelheit zwischen den Welten, zog Djarret den schwarzen Mantel enger um seine breiten Schultern. Es war kalt. Hinter sich hörte er seine Männer atmen: die fünfzig besten aus Ceres Elitetruppe.

„Ist es noch weit?” Djarret hieb dem Magier, der vor ihm ging, die Faust in den Rücken. Der Magier ächzte und schüttelte den Kopf. Schweißtropfen rollten ihm über Stirn und Schläfen in den langen, weißen Bart. Er blieb stehen. Mit zitternder Hand wies er in die Dunkelheit. Djarrets Blick folgte seinem Finger. Er nickte zufrieden. Vor ihnen lag die blaue Perle des Universums, die Erde. Auch wenn zu beiden Seiten des Wegs die Nebel des Vergessens waberten, konnte Djarret sie klar und deutlich sehen. Er fragte sich, ob die Hohepriesterin Durimeh wirklich geglaubt hatte, Korosadja wäre dort in Sicherheit.

Bald ist der Stein mein. Keine mühsamen Wanderungen mit einer Hand voll Männer durch die Dunkelheit, um andere Welten zu erreichen. Die Dunkelkrieger meines Herrn werden in kürzester Zeit überall hingelangen können und alles, was er dafür braucht, ist dieser Stein. Djarret gab dem Magier einen Schubs. „Worauf wartest du? Geh weiter.”

Der Magier rührte sich nicht. Er sah Djarret in die eisblauen Augen, und die Rechte Hand Ceres fand keine Angst in diesem Blick. „Es erfordert Kraft so viele Menschen unbeschadet durch die Dunkelheit zwischen den Welten zu führen, Herr. Die Nebel des Vergessens sind allgegenwärtig.”

„Hüte deine Zunge!”

„Dies ist kein Spaziergang durch die Welten der Einen Macht, sondern eine Wanderung durch das Weltenchaos. Die Erde ist nicht so leicht zu erreichen wie Palumâ oder Lumitana. Ihr solltet mich pfleglich behandeln, Herr, denn Ihr braucht mich.”

Djarret hätte den Magier am liebsten auf der Stelle erschlagen, doch er wusste, dass der alte Mann in der weiten, weißen Robe unentbehrlich war. Er schwieg mit zusammengepressten Lippen. Schließlich gab er sich einen Ruck. „Geh weiter!” Seine Stimme klang gepresst.

Der Magier wischte sich mit einem Tuch über das bleiche Gesicht, wandte sich ab und schritt voran.

***

Auf Greenwitch, der Welt der tausend Königreiche, spürte die Hexe Lysande die Dunkelheit. Sie stürzte zu Boden. Ihre grünen Augen wurden glasig, sahen nicht mehr die Obstbäume um sie herum. Vergessen war ihr kleines Haus im Wald, vergessen auch ihr geliebter weißer Rabe. Das Dunkel glitt näher und näher an sie heran, umschloss sie und ließ sie entsetzliche Dinge ahnen. Der Puls der Hexe raste und ihr fiel das Atmen schwer. Noch nie hatte sie solche Angst gehabt. Die Dunkelheit war so kalt und so nah. Wie spürbar gewordener Hass fraß sich die Kälte in die Glieder der Hexe, bis ihre Muskeln verkrampften. Sie schrie vor Schmerz. Ein blauer Blitz schoss aus ihren Fingerspitzen und fraß ein hässliches Loch in die Rinde des alten Kirschbaums, unter dem sie lag. Er stöhnte hörbar. Ein Zittern lief durch seine verstümmelten Äste. Die Hexe floh vor der Dunkelheit wie ein Hirsch vor den Hunden des Jägers. Schweiß trat auf ihre Stirn, rollte herab und brannte in ihren Augen. Noch einige Male schossen blaue Blitze aus Lysandes Fingern in das gemarterte Holz der Kirsche. Langsam kehrte sie in die Realität zurück. Obwohl sie die Schmerzen noch spürte, waren sie erträglich geworden. Erleichtert atmete sie auf.

Ihr weißer Rabe hüpfte über den harten Boden des Hofs auf sie zu. Die Hexe Lysande erhob sich langsam. Ihr Körper schmerzte wie nach einem Sturz von einer Klippe und ihre schwarzen Haare klebten an der Stirn. Sie legte die linke Hand auf den Kopf und schickte einen Strom Magie durch ihren Körper. Die Schmerzen ließen langsam nach.

„Immer wieder die gleiche Vision, Lukas. Jedes Mal ist der Schwarze Schatten ein Stück näher gekommen.” Sie klopfte sich den Dreck aus dem grünen Samtkleid.

Der Rabe legte den Kopf schief und krächzte, als hätte er jedes Wort verstanden.

„Nein, es ist keine magische Bedrohung. Es ist ein normaler Mensch. Da bin ich mir ganz sicher.” Die Hexe Lysande feuerte noch ein paar Blitze in den Baum und die letzten Schmerzen verschwanden. Es roch nach verbranntem Holz.

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