Teil 7

Mit schnellen Schritten verließ sie den Hof und ging ins Haus. Ihr weißer Rabe schwebte heran und setzte sich auf ihre Schulter.Lysande und Lukas Sie streichelte den Vogel geistesabwesend. „Ich muss etwas gegen den Schatten unternehmen, Lukas.”

Der Rabe krächzte erneut.

Die Hexe Lysande lächelte ihn liebevoll an. „Ich weiß, dass du Hunger hast, Liebling.“ Sie schnalzte mit der Zunge und sprach ein Wort. Im selben Augenblick hielt sie eine Maus am Schwanz in die Höhe. Der Rabe krächzte glücklich und beugte sich vor. Die Maus fiepte und versuchte verzweifelt, sich zu befreien. Es gelang ihr, der Hexe in die Finger zu beißen.

„Au!” Lysande öffnete die Finger und die Maus fiel zu Boden. Doch bevor sie sich davon machen konnte, schlug Lukas zu. Seine Krallen durchbohrten den kleinen Körper wie Dolche. Mit seinem scharfen Schnabel riss er ihn in Stücke und schlang sie genüsslich herunter.

Lysande nickte zufrieden. „Schade, dass der Schatten nicht genau so leicht erledigt werden kann. Komm, mein Schatz, wir müssen nachdenken.”

***

Viele Meilen entfernt von Lysande sah sich Melissa erstaunt um. Ihre Haut kribbelte als würde sie gestreichelt. Vor ihr lag das Meer. Es spiegelte einen Himmel, der sich langsam von rotgolden über rosa zu blau färbte und mit jeder Minute heller wurde. Als sich die Sonne über den Horizont schob, stürzten sich Hunderte von hellblauen Vögeln kreischend von einer hohen Klippe, nur um wenig später schwer beladen mit Fischen zu ihren Nestern zurückzukehren.

Melissa kniff sich in den Arm. Ich träume wohl. Wieso geht die Sonne erst unter und sofort wieder auf? Oder war ich besinnungslos? Vielleicht bin ich ja schlafgewandelt. Ihr Kopf schmerzte und es fiel ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Das Geschrei der Vögel und die tosende Brandung waren kaum auszuhalten. Trotzdem überlegte sie angestrengt. Sie war sich ganz sicher, dass sie nicht bewusstlos geworden war. Aber wo bin ich hier.

Der letzte Sonnenaufgang, den sie gesehen hatte, fiel ihr ein. Sie war mit Herbert extra früh zum Strand gegangen und hatte bewundernd das Spiel der Farben betrachtet, bis sich die Sonne endlich über die Klippen in ihrem Rücken schob und das Meer zum Leuchten brachte. Ich kann nicht an der Ostsee sein. Sie sah zur Sonne, die über dem Meer in den Himmel stieg. Dort würde die Sonne hinter mir aufgehen. Im Osten! Das Kribbeln auf ihrer Haut ließ endlich nach. Sie rieb sich die Arme. Vielleicht träume ich und Tante Freya hat Recht mit ihrer Vermutung, dass ich Traum und Realität nicht auseinander halten kann.

Das Geschrei der Vögel wurde jede Minute lauter. Melissa hielt sich die Ohren zu. Sie stand auf und drehte sich einmal um die eigene Achse. Der Strand war nur ein schmaler, halbmondförmiger Streifen Sand am Meer. Gleich dahinter stiegen steile Felsen weit in den blauen Himmel. Sie umschlossen die Bucht, so dass der Strand nur vom Meer aus zugänglich zu sein schien. Am oberen Rand der Klippen lockte frisches Grün. Felsvorsprünge dienten den hellblauen Vögeln als Nistplätze.

Ich habe noch nie von hellblauen Vögeln gehört. Melissa drehte sich noch einmal um sich selbst und betrachtete den Strand genauer. Nicht weit von ihr entfernt glänzte es weiß. Sieht aus wie zerbrochene Eierschalen, fast als ob die Vögel ihren Müll hierher bringen. Sie ging näher heran. Es waren tatsächlich zahllose Eierschalen. Sie lagen auf dem Sand und verwitterten langsam.

Melissa ging noch näher heran. Überrascht stellte sie fest, wie riesig die Schalen waren. Ach du meine Güte! Das müssen Monstervögel sein. Sie legte den Kopf in den Nacken und sah zu den hellblauen Vögeln empor, die gegen den fast gleichfarbigen Himmel so winzig wirkten. Aber die Eierschalen verrieten, dass die Küken beinahe so groß waren wie ein Mensch. Sie schluckte. So leise wie möglich ging sie zurück zu der Stelle, von der sie gestartet war. Plötzlich schoss ein heftiger Schmerz durch ihr Bein. Ein kleines Stück Eierschale hatte sich durch die dünne Sohle ihrer Sandale gebohrt. Ihr Fuß brannte. Sie setzte sich hin und zog die Sandale aus. Ein Tropfen Blut fiel in den Sand. Schlagartig wurde ihr klar, dass sie nicht träumte. Die riesigen Vögel waren genauso real, wie der Schnitt ihn ihrer Fußsohle, oder wie der Ostseestrand an dem sie vor kurzem noch gebadet hatte. Ich weiß immer noch nicht, wie ich hierher gekommen bin. Ob mich jemand betäubt und entführt hat? Aber wieso sollte jemand so etwas tun? Sie zog die Sandale wieder an und stand auf. Der Fuß schmerzte, aber es ließ sich aushalten.

Wenn ich bloß wüsste, wo ich hier bin. Ich sollte die Gegend erkunden. Vielleicht gibt es in der Nähe ein Dorf oder eine Stadt oder wenigstens ein Haus, wo ich telefonieren kann. Mit klopfendem Herzen sah sie sich um.

Vorige SeiteStartseiteNext Page

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: