Teil 8

Die Felsen, die die Bucht umschlossen, waren bis auf das Brutgebiet der hellblauen Vögel steil und glatt. Es gab nur wenige Pflanzen, die dort Platz für ihre Wurzeln gefunden hatten. Melissa seufzte. Sie wusste, dass sie dort niemals hinaufklettern konnte. Wenn nicht einmal Pflanzen genug Halt finden, schaffe ich das erst recht nicht.

Der Hang, den sie hinuntergerutscht war, war nicht mehr als ein kleiner Sandhügel am Fuße der Klippen. Einige Birken wurzelten in Felsennähe und einige Büschel Strandhafer kämpften weiter unten ums Überleben. Ihr Sturz hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Sie räusperte sich. Ihre Stimme war im Tosen der Brandung sogar von ihr selbst kaum zu hören. „Hallo? Hallohooo!” Das Rufen verhallte ungehört, aber es beruhigte sie. So wie früher Singen geholfen hatte, wenn sie in den dunklen Keller gehen musste. Sie erinnerte sich daran, wie sich ihr kleiner Bruder bei einem Gang in den Keller an ihre Hand geklammert hatte. Seine Angst war noch größer gewesen als ihre. Sie hatte sich sehr erwachsen gefühlt. Damals, vor dem … Nein, daran will ich nicht denken. Entschlossen schob sie die Gedanken an früher zurück in den hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins.

„Irgendwo muss es jemanden geben, der mich zurückbringen kann. Aber dafür muss ich erst einmal den Weg aus dieser Bucht finden.” Es beruhigte sie, laut zu sprechen, so als würde ihre Stimme die Gegend um sie herum weniger fremdartig erscheinen lassen. Sie sah sich noch einmal gründlich um. Dort, wo die Spuren ihrer Rutschpartie begannen, schien es eine Ritze im Fels zu geben. Vielleicht komme ich dort hinaus.

Melissa humpelte den steilen Sandhügel hinauf, um nachzusehen. Verwundert stellte sie fest, dass keine Fußabdrücke zum Anfang ihrer Rutschpartie führten. Es war, als wäre sie aus dem Nichts auf dem Sandberg gelandet und losgerutscht. Merkwürdig. Sie schüttelte den Kopf und ging weiter, um die Ritze in der Felswand zu betrachten. Sie hatte richtig gesehen. Da war ein schmaler Spalt, der durch den Felsen führte.Melissa in der Sonne

Sie zwängte sich seitlich in die Öffnung. Von dem sonnigen Morgen war hier nichts mehr zu spüren. Sie ließ ihren Augen Zeit, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen, während sie sich langsam vorwärts schob. Sie sah noch einmal nach den hellblauen Vögeln, die in dem schmalen Ausschnitt des Himmels kaum noch zu erkennen waren.

Gibt es eigentlich so große Vögel? Was ist, wenn ich gar nicht an einem anderen Ort der Erde gelandet bin, sondern in einer anderen Welt? Wie komme ich dann zurück? In Gedanken versunken schob sie sich Schritt für Schritt vorwärts. Zuerst schabten ihre Ellenbogen an den Felsen entlang, aber schon bald wurde der Spalt breiter. Trotzdem reichten die Strahlen der Sonne nicht bis zum Boden der Schlucht. Melissa zitterte. Zwischen den Felsen war es empfindlich kühl und ihr Strandkleid und der dünne Pullover wärmten nicht. Deshalb war sie glücklich, als sie auf der anderen Seite der Felsen ankam und die wärmenden Strahlen der Sonne auf ihrer zerkratzten Haut spürte.

Vor ihr breitete sich Grasland aus, in der Ferne begrenzt durch bläulich schimmernde Berge. Im Westen setzten sich die Klippen in einem Ausläufer fort, der fast bis zum Horizont reichte. Nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Vielleicht finde ich am Rand der Berge jemanden. Melissa streckte der Sonne die Arme entgegen und atmete tief durch. Als sie sich wärmer fühlte, humpelte sie los.

***

An einem Ostseestrand auf der Erde trat Djarret nach dem Magier als erster aus der Dunkelheit zwischen den Welten. Er seufzte erleichtert, als er die salzhaltige Luft einatmete. Er war froh aus der eisigen Kälte in eine warme Sommernacht zu treten. Sofort bildeten sich Wassertropfen auf seiner Haut, seinen Waffen und sogar auf seinem schwarzen Lederharnisch. Ohne sich um den Magier zu kümmern, der den Durchgang mit gestreckten Armen geöffnet hielt, ließ sich Djarret auf einen Stein nieder. Er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte die Feuchtigkeit von seinem Schwert. Es war zu wertvoll und zu wichtig, um es rosten zu lassen. Während er das Schwert trocken rieb, sah er sich um.

Der Strand breitete sich im Licht des vollen Mondes vor ihm aus. Schwarze Wellen schwappten in gleichmäßigem Rhythmus auf den Sand, und vereinzelt lag Treibholz herum. Zu seiner Linken leuchteten in einiger Entfernung die Lichter einer Stadt. Zu seiner Rechten klaffte der Durchgang zu den Welten der Einen Macht wie eine schwarze Wunde, die alles Licht verschluckte. Einer nach dem anderen verließen Djarrets Männer das Zwischenreich. Als der letzte Mann seine Füße in den Sand setzte, senkte der Magier die Arme. Schwer atmend beugte er sich nach vorne und stützte die Arme auf die Knie.

„Wo ist der Stein”, fuhr ihn Djarret an.

Der Magier schwankte leicht. Seine Stimme klang gepresst und zwischen den Worten atmete er rasselnd. „Er ist … weiter gezogen … Ich … habe es … gespürt.”

„Warum sind wir dann hier?” Djarret sprang auf, um Korosadja sofort zu folgen.

Wortlos brach der Magier zusammen. Wie ein Bündel schmutziger Wäsche lag er im Sand.

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