Teil 9

Djarret trat ihn in die Rippen. „Schwächling!” Er wandte sich an seine Männer, die regungslos in Kampfformation bereitstanden.

„Wir machen eine Pause. Trocknet eure Sachen und putzt die Waffen.” Er setzte sich wieder auf den Stein und zog sein Schwert. Während er wartete, putzte er die ohnehin schon glänzende Klinge.Djarret am Meer

„Bald wirst du das Blut der Magier trinken, meine Schöne”, flüstere er der Waffe zu. Für eine Weile gestattete er es sich, von der Zeit zu träumen, in der es auf seiner Heimatwelt keine Magier mehr geben würde. Ceres hatte ihm absolute Unabhängigkeit versprochen, und Djarret hatte große Pläne für die Welt, deren Herrscher er werden würde. Gerechtigkeit würde nicht mehr wenigen mächtigen Magiern gehören, sondern allen. Jedes Kind würde vom ersten Atemzug an wissen, wo sein Platz im Leben war. Niemals wieder würden Eltern ihren Kindern den vorgegebenen Platz im Leben verweigern können. Einzig und allein die Geburt wäre entscheidend. Djarret seufzte. Die Menschen werden dankbar sein für die Ordnung, die ich ihnen bringe. Mir fehlt nur der Zauberstein Korosadja. Habe ich ihn erst in meinen Händen, brauche ich diese eingebildeten, magischen Speichellecker nicht mehr. Dann gehört mir Palumâ auch ohne ihre Zunft. Ich werde die Magie ausrotten, und niemand wird sich an Kervaal oder Durimeh erinnern. Djarret steckte das Schwert zurück in die Scheide und sog die salzige Luft in tiefen Zügen in seine Lungen. Aus den Augenwinkeln sah er den Truppführer vortreten und salutieren.

„Die blaue Perle hat ihren Namen durchaus verdient, nicht wahr Kugarr. Wenn wir Korosadja haben, sollte ich diese Welt als Belohnung fordern.”

Der Angesprochene rührte sich nicht. Erst als Djarret sich zu ihm umdrehte und ihm mit leichtem Kopfnicken die Erlaubnis gab, sprach er.

„Schön mag sie sein, Herr, doch ist sie auch frei von Gefahren? Wenig ist bekannt über die blaue Perle.”

Djarret nickte zustimmend. „Du hast Recht. Ich war nachlässig.” Er winkte zwei Männern, Wache zu stehen. „Seht zu, dass wir unbemerkt bleiben. Werdet nur aktiv, wenn uns jemand zu nahe kommt.” Er fuhr sich mit der flachen Hand über die Kehle. Die Männer nickten und verschmolzen mit den Schatten der Büsche.

Djarret sah zum Magier hinüber, der noch immer regungslos auf der Erde lag. Hoffentlich kommt er bald wieder zu sich, damit wir weiter können. Er hatte nicht vor, die blaue Perle des Universums anzugreifen. Noch nicht! Hat Ceres erst einmal Korosadja, wird sie nichts vor seinen Dunkelkriegern retten können. Djarret verzog die schmalen Lippen zu einem Lächeln, das seine eisblauen Augen nie erreichte.

Er blickte auf das stille Wasser des Ozeans, das im Licht des Mondes silbern glänzte und wartete, dass es seinem Magier wieder besser ging. Die Luft der lauen Sommernacht strich über seine Wangen. Das erste Mal seit sehr, sehr langer Zeit spürte Djarret so etwas wie Zufriedenheit. Er atmete tief durch und schloss die Augen.

Als er sie wieder öffnete, stand im bleichen Mondlicht ein Mann vor ihm. Djarret erkannte ihn sofort. Abwehrend streckte er die Arme aus. „Du bist tot, Kervaal. Ich habe dich selbst getötet.”

Der Mann bewegte beim Sprechen nicht die Lippen, doch seine Antwort drang Djarret bis ins Herz. „Ich bin der Stellvertreter des Einen. Glaubst du wirklich, dass du mich los bist, nur weil mein Körper nicht mehr existiert?”

Djarret schloss die Augen, aber es half nicht. Er sah Kervaals Gesicht immer noch vor sich und glaubte, seine Stimme zu hören. Entsetzt kämpfte er gegen das Bild, in seinem Kopf. „Du bist tot, Kervaal. Dich gibt es nicht mehr. Dein Körper ist begraben und zerfallen. Du bist nur eine Halluzination, hervorgerufen durch zu wenig Schlaf und schlechtes Essen.“

Er wiederholte diese Worte flüsternd, wie ein Gebet, aber der geisterhafte Mann verschwand nicht. Er kam näher und beugte sich vor. Die Erkenntnis durchzuckte Djarret wie ein Blitz. Er will mich töten! Mit zusammengepressten Lippen setzte er sich aufrecht hin und sah dem Geist ins Gesicht. Sein Kinn zitterte leicht, aber er war entschlossen, dem Tod ins Auge zu sehen.

Kervaals Stimme drang an sein Ohr, leiser noch als das Zirpen der Grillen im Gras. „Bruder! Du musst aufhören zu hassen. Du stürzt dich und andere ins Unglück.”

Djarret biss sich auf die Zunge und antwortete nicht. Endlich verblasste das Gesicht. Erleichtert atmete Djarret auf und versuchte, die Tränen in den Wimpern seines toten Bruders zu vergessen.

***

Auf Greenwitch streichelte die Hexe Lysande ihrem Raben über das weiße Gefieder. Lukas krächzte zufrieden. Lysande betrachtete das lebendige Grün des Waldes. Es funkelte im Sonnenlicht wie eine Wand aus grünen Edelsteinen. Dagegen sahen die Bäume in ihrem Garten krank aus. Besonders die alte Kirsche mit ihren vielen toten Ästen wirkte, als hätte sie längst aufgegeben.

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